Defa-Klassiker „Die Russen kommen“: Ein Film über Krieg und Schuld
Defa-Klassiker „Die Russen kommen“: Krieg und Schuld

80 Jahre nach Gründung der Defa (Deutsche Film-Aktiengesellschaft) widmet sich eine Sommerserie der Potsdamer Neuesten Nachrichten (PNN) der Frage, was Filme der DDR uns heute noch zu sagen haben. In dieser Reihe empfiehlt die Potsdamer Filmwissenschaftlerin Johanna Deventer den Film „Die Russen kommen“ (1968/87) von Heiner Carow.

Ein Film über die letzten Kriegstage aus Kindersicht

„Die Russen kommen“ erzählt die Geschichte des elfjährigen Jungen Uwe, der die Ankunft der Roten Armee im April 1945 in einem kleinen deutschen Dorf erlebt. Der Film basiert auf Motiven der Erzählung „Die Russen kommen“ von Klaus Poche. Carow zeigt die Ereignisse aus der Perspektive des Kindes, das zwischen Angst, Neugier und der alltäglichen Propaganda des Nationalsozialismus hin- und hergerissen ist. Die Texttafel zu Beginn des Films zitiert rückblickend: „Blick ich zurück in die ferne Kindheit, so ist mir, als sähe ich einen alten Film.“

Historischer Kontext und Zensur

Der Film entstand 1968, durfte aber aufgrund von Zensur erst 1987 in die Kinos der DDR kommen. Die SED-Führung sah die Darstellung der Roten Armee als zu kritisch an – insbesondere die Szenen von Plünderungen und Vergewaltigungen durch sowjetische Soldaten. Erst mit der Politik von Glasnost und Perestroika unter Michail Gorbatschow wurde eine Aufführung möglich. Deventer betont: „Der Film ist ein wichtiges Zeugnis dafür, wie die offizielle DDR-Geschichtsschreibung lange Zeit tabuisierte Aspekte des Kriegsendes ausblendete.“

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Bedeutung für die Gegenwart

Johanna Deventer sieht in dem Film eine zeitlose Botschaft: „Er zeigt, wie Kinder in Kriegszeiten instrumentalisiert werden und wie tief nationalistische und rassistische Vorurteile sitzen.“ Der Film sei heute relevanter denn je, da Kriege und Flucht weltweit Kinder traumatisieren. „Die Russen kommen“ mahne, die Perspektive der Schwächsten nicht zu vergessen. Deventer: „Carow gelingt es, ohne Pathos und mit großer Empathie die Verstörung eines Kindes zu zeigen, das lernt, dass die ‚Feinde‘ Menschen sind.“

Filmhistorische Einordnung

„Die Russen kommen“ gilt als einer der wichtigsten Defa-Filme der späten 1960er Jahre. Er steht in der Tradition des kritischen DDR-Kinos, das sich mit der NS-Vergangenheit auseinandersetzte – wie etwa „Die Spur der Steine“ (1966) oder „Ich war neunzehn“ (1968). Deventer hebt hervor: „Carows Film ist ein frühes Beispiel für die Aufarbeitung von Kriegstraumata aus kindlicher Perspektive, lange bevor dieses Thema international populär wurde.“

Fazit

Die Sommerserie der PNN läuft noch bis September. Jede Woche empfehlen Filmschaffende und Experten einen Defa-Film. Deventers Wahl fiel auf „Die Russen kommen“, weil er „ein unbequemer Film ist, der uns heute noch etwas angeht“. Der Film sei auf DVD und in der Mediathek der Defa-Stiftung verfügbar.

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