Gustave Courbet in Essen: Sensibelchen, Power-Maler, politischer Rebell
Gustave Courbet in Essen: Künstler und Rebell

Der verzweifelte junge Mann und der Durchbruch

Panik hat den jungen Mann ergriffen. Die Augen dramatisch aufgerissen, greift er sich verzweifelt mit der einen Hand in seine Haare, die andere fasst nach vorn ins Leere. Was ihn so außer sich geraten lässt, ist nicht genau zu erkennen: Gustave Courbet (1819 bis 1877) malte „Der vor Angst Wahnsinnige“ nicht zu Ende. Ganz offensichtlich schwebt der Bemitleidenswerte mit flatterndem Cape über einem Abgrund, obwohl sich hinter ihm eine friedliche Landschaft mit blauem Himmel ausbreitet. Der Abgrund ist das unvollendete Gemälde, die schiere Abstraktion öffnet sich unter ihm wie ein Schlund.

Courbet malte dieses Selbstbildnis als 25-Jähriger. In dem Alter können einen Selbstzweifel, Panik, Wahnvorstellungen erfassen, zumal als ehrgeizigen Künstler. Die vergangenen drei Jahre hatte der 1839 aus der Provinz nach Paris umgezogene Autodidakt, der das Ungestüme, die Herkunft vom Land mit starkem Akzent zelebrierte, seine Bilder vergeblich beim Salon einzureichen versucht. Das sollte sich 1844 im Moment größter Verzweiflung ändern, ihm gelang endlich der Durchbruch – gezielt begleitet von extravaganten Selbstdarstellungen.

Branding als Künstler: Vom Sensibelchen zum Bohemien

Sie gehörten zu seinem Branding als Künstler: Mal gab er das Sensibelchen mit sanftmütig zum Kinn gehobener Hand in Renaissance-Manier, mal den mönchischen Cellospieler, mal den Bohemien mit Pfeife im sinnlichen Mund, der unter schweren Lidern den Betrachter anschaut. Ein anderes zeigt ihn mit blutender Brust. Röntgenuntersuchungen ergaben, dass sich ursprünglich eine Frau mit im Bild befand. Übrig blieb nur der Liebeskummer.

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„Ich, Gustave Courbet, Maler und Rebell“ lautet der Ausstellungstitel der neunzig Werke umfassenden Retrospektive im Essener Folkwang-Museum, der ersten seit 50 Jahren. Der Eingangssaal strotzt nur so vor lauter „Ichs“. Allein von seinem Sammler Alfred Bruyas hängt noch ein weiteres Bildnis, mit dem der Maler eigentlich eine Kunstrevolution anzetteln wollte. Dazu kam es zwar nicht, aber Courbet ging dennoch als Revoluzzer in die Kunstgeschichte ein, ja als Wegbereiter der Moderne.

Cézanne und der dicke Pinselstrich

Seine groben Pinselstriche, seine Unmittelbarkeit, seine kühnen Darstellungen einfacher Leute holten den Realismus in die Malerei. Cézanne hat später von ihm gesagt: „Ich wage es kaum zuzugeben, aber ich arbeite seit 1894 daran. Ich wollte wie Courbet mit dicken Farbaufträgen malen.“ Da lebte der Künstler schon über ein Vierteljahrhundert nicht mehr. Wie einflussreich er war, ein Künstler für Künstler, demonstriert die Gegenüberstellung von Cézannes „Steinbruch Bibémus“ (um 1895) – entstanden am Fuß seiner geliebten Montaigne Sainte-Victoire in der Provence – mit Felsformationen, die Courbet dreißig Jahre vorher in seiner Heimatregion Franche-Comté gemalt hatte.

Cézanne stellt die zerklüfteten braunen Brocken als gestapelte Kuben dar. Courbet holt die Struktur der Kalksteinwände mit dem Palettmesser hervor, indem er die Farbe nicht mit dem Pinsel, sondern mit dem Spatel fett auf der Leinwand verteilt. Für das Publikum war das völlig neu, es kannte nur die glatte, akademische Malerei.

Monumentale Alltagsszenen und der Skandalerfolg

Noch grundstürzender aber waren die Motive, mit denen Courbet beim Salon reüssierte. 1849 reichte er „Nach dem Abendessen in Ornans“ ein, das eine häusliche Szene in seiner Heimatstadt mit vier Männern zeigt, darunter sein Vater. Solche Genreszenen gab es bisher nur im kleinen Format, Courbet malte sie monumental. Steineklopfer bei ihrer Schwerstarbeit, eine eingeschlafene Frau am Spinnrad waren seine Helden des Alltags. Der Künstler erhielt dafür eine Silbermedaille, der Staat kaufte das „Abendessen“ an, Courbets Karriere nahm Fahrt auf.

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Gerne hätte man noch ein anderes Schlüsselgemälde gesehen, genauer: „Bonjour Monsieur Courbet“, auf dem der Maler als Wanderer seinem Mäzen samt Diener begegnet. Anders als an der vorherigen Station im Wiener Leopold-Museum stand es als Leihgabe nicht zur Verfügung. Dafür hat Essen den „Ursprung der Welt“ bekommen, jenes Skandalwerk, das allein den Unterleib einer nackten Frau abbildet, im Zentrum das entblößte Geschlecht. Das vom osmanischen Diplomaten Khalil Bey beauftragte Werk befindet sich heute im Pariser Musée d’Orsay, erstmals durfte es reisen.

Marktgerecht und eigensinnig: Jagdbilder und Seelandschaften

Wer das explizite Gemälde nicht sehen mag, kann im Ausstellungsparcours den Saal mit den Aktbildern umrunden. Sie zeigen eine andere Seite des aufbegehrenden Malers, der sich zwar gezielt als Regelbrecher einen Ruf erwarb, gleichzeitig aber den Markt bediente – etwa mit Jagdbildern oder Darstellungen des berühmten Felsens an der Steilküste von Étretat. Der Tourismus nahm gerade Aufschwung.

Bei seinen Aufenthalten an der normannischen Küste bewies Courbet dennoch auch weiterhin Eigensinn und schuf ein eigenes Genre, die „Seelandschaft“. Diese von ihm erfundene Bezeichnung hielt er für passender als den bisherigen Begriff Marinemalerei. Statt des heroischen Meeres mit schaukelnden Schiffen darzustellen wie bisher, zoomte er dicht heran und erfasste heranrollende, Gischt versprühende Wellen. Émile Zola, der Romancier des Naturalismus, war begeistert: „Courbet hat ganz einfach eine Welle gemalt, eine echte Welle, die sich an der Küste bricht.“

Vom gefeierten Maler zum Exilanten

Die Essener Ausstellung ist mitreißend gemacht, sie führt Courbet als Egozentriker, durchsetzungsstarken Maler und zuletzt sogar politischen Akteur vor, der allerdings scheitert. Der Sturz vom berühmten Maler zum Geächteten ist tragisch. Er muss sein Land verlassen. Dass seine Schweizer Bilder weniger überzeugen, ja aus heutiger Sicht mit ihren Sonnenuntergängen über dem Genfersee sogar kitschig wirken, verzeiht man ihm deshalb sofort.

Der Künstler hatte sich nach Napoleons Sturz in der Pariser Commune engagiert und den Vorsitz der Republikanischen Kunstkommission übernommen. Als die Aufständischen die symbolträchtige Vendôme-Säule stürzten, wurde er dafür verantwortlich gemacht und zu einem halben Jahr Haft verurteilt. Als er auch noch die Kosten des Wiederaufbaus tragen sollte, setzte er sich in die Schweiz ab. Vier Jahre später starb er mit gerade 58 Jahren im Exil.

Späte Rehabilitation: Der Leichnam kehrt heim

Vor zwölf Jahren tauchte aus dem Besitz der Schwester sein vermutlich letztes Werk auf: ein Blick auf die Alpen, noch einmal kraftvoll im Querformat gemalt, mit strahlend blauem Himmel. Ob er es tatsächlich vollendete, ist unklar. Der Vordergrund erscheint tiefschwarz verschattet, als würde ein ungewisser Abgrund klaffen. Es erinnert an sein Selbstbildnis als junger Mann, der in die Abstraktion abzustürzen scheint. 1919 wird anlässlich des 100. Geburtstages sein Leichnam in seine Heimatstadt nach Ornans überführt – als späte Rehabilitation.