Künstlerin und Influencerin Jerry Gogosian tot im Hotelzimmer aufgefunden
Die Kunstwelt trauert um Jerry Gogosian, die mit bürgerlichem Namen Hilde Lynn Helphenstein hieß. Die 40-Jährige wurde am vergangenen Sonntag in einem Hotelzimmer in São Paulo, Brasilien, tot aufgefunden. Die örtliche Polizei behandelt den Fall nach Angaben des brasilianischen Fernsehsenders Globo als verdächtigen Todesfall. Die genaue Todesursache steht noch nicht fest, Ermittlungen wurden eingeleitet.
Letzte Tage in Brasilien
Laut Berichten des Magazins „Monopol“ soll ein Mann, der sich als Helphensteins Schönheitschirurg ausgab, die Künstlerin in ihrem Hotel aufgesucht haben, nachdem er sie telefonisch nicht erreichen konnte. Er gab an, dass sie sich seit etwa drei Wochen in Brasilien aufgehalten habe, um sich einem kosmetischen Eingriff zu unterziehen. Gegenüber Globo berichtete er zudem, dass sie Drogen konsumiert habe und er sie Tage zuvor wegen einer möglichen Überdosis in eine Notaufnahme gebracht habe. Der Hotelmanager entdeckte sie bewusstlos auf dem Bett und alarmierte den Rettungsdienst, der nur noch ihren Tod feststellen konnte.
Fundstücke im Hotelzimmer
Im Zimmer wurden den Ermittlern zufolge eine leere Wodkaflasche und ein umgeworfenes Glas auf dem Boden gefunden. Auf dem Bett lagen mehrere Tabletten verstreut. Bereits am Vortag hatte es eine Beschwerde gegen Helphenstein und ihre Begleitung in einem Hotelrestaurant gegeben, da sie stark betrunken gewesen sei und sich auffällig verhalten habe.
Einflussreiche Stimme der Kunstszene
Unter dem Pseudonym Jerry Gogosian hatte Helphenstein seit 2018 einen der einflussreichsten Instagram-Accounts der Kunstwelt aufgebaut. Mit scharfsinnigen Memes, Satire und Insiderwissen kommentierte sie die Mechanismen des internationalen Kunstmarkts. Rund 150.000 Menschen folgten ihr. Sie verstand ihre Kritik nie als bloße Ablehnung, wie sie dem Magazin „Monopol“ sagte: „Wir leben im Spätkapitalismus, ich kann nichts daran ändern, dass die Kommodifizierung von Flachheiten weitergeht.“ Kunst und Kapitalismus seien eng verbunden, denn „Geld ist der ultimative Beschleuniger für Ideen“.
Vom Frust zum Erfolg
In einem Interview vor vier Jahren gab Helphenstein zu: „Lange Zeit war Bitterkeit die einzige Energie, die ich aus der Kunst gezogen habe.“ Sie bezeichnete sich selbst als „frustrierte Künstlerin“. Doch aus dieser Frustration machte sie ein erfolgreiches Geschäftsmodell: Sie betrieb den Blog „The Jerry Report“, den Podcast „Art Smack“, verkaufte Merchandising und kuratierte 2022 eine Auktion bei Sotheby‘s. Nach einem Kunststudium in San Francisco und Europa, unter anderem an der Frankfurter Städelschule, und Jahren als Galeriemitarbeiterin gründete sie in Los Angeles den Projektraum HILDE. Während einer monatelangen Krankheit entstand der Account „jerrygogosian“.
Selbstironie und letzte Posts
Helphensin nahm nicht nur die Kunstwelt, sondern auch sich selbst aufs Korn. In einem ihrer letzten Beiträge vom 23. Mai zeigte sie sich in einem gelben Pullover und kommentierte das Wetter in São Paulo: „Ich kann es nicht fassen, São Paulo ist so enttäuschend, es regnet, regnet, regnet. Liegt wahrscheinlich daran, dass Winter ist.“ Sie wirkte gelangweilt und meinte: „Sieht so aus, als würde ich heute drinnen bleiben.“ Ende März hatte sie das Jahr als schrecklich beschrieben. In den letzten Jahren hatte sie sich von der reinen Satire verabschiedet und mit Luxusmarken zusammengearbeitet. Im Sommer 2025 kündigte sie an, den Account auslaufen zu lassen, weil sie dem Projekt entwachsen sei. Nun häufen sich auf ihrem Profil die Beileidsbekundungen für eine Frau, die viel zu früh gestorben ist.



