Gunther von Hagens, der Erfinder der Plastination und Schöpfer der umstrittenen Ausstellung „Körperwelten“, ist am Freitag im Alter von 81 Jahren in Heidelberg gestorben. Dies bestätigte seine Familie. Sein Körper soll nach seinem Wunsch selbst plastiniert und künftig als Exponat ausgestellt werden.
Ein Leben im Dienst der Anatomie
Der 1945 bei Posen im heutigen Polen geborene Mediziner entwickelte die Plastinationstechnik in den 1970er Jahren in Heidelberg. 1993 gründete er dort das Institut für Plastination. Mit den „Körperwelten“ brachte er die Anatomie aus dem Hörsaal in die Öffentlichkeit – und erntete sowohl Faszination als auch scharfe Kritik. „Gunther wollte den Menschen den Blick unter die Haut ermöglichen – nicht aus Sensationslust, sondern aus der tiefen Überzeugung heraus, dass Wissen über den eigenen Körper zu einem bewussteren, gesünderen und verantwortungsvolleren Leben beitragen kann“, erklärte seine Frau Angelina Whalley in einer Mitteilung.
Parkinson-Diagnose und Rückzug
2008 erhielt von Hagens die Diagnose Parkinson. Damals gab er sich selbst noch fünf Jahre, wie er der Deutschen Presse-Agentur kurz vor seinem 70. Geburtstag erzählte: „Jetzt bin ich mutiger. Mein Vater ist mit 98 noch sehr vital, er ist mein Vorbild. Wenn ich gut bin, halte ich bis 90 durch.“ In den letzten Jahren zog er sich wegen der fortschreitenden Krankheit weitgehend zurück. Sein Sprachzentrum war stark beeinträchtigt, sodass seine Frau als Übersetzerin fungierte. „Je älter ich werde, umso mehr empfinde ich das Leben als große Ausnahme und den Tod als das Normale. Letztlich ist es die Vergänglichkeit, die dem Leben überhaupt Bedeutung verleiht“, sagte er im Januar 2025.
Fortführung der Arbeit durch die Familie
Sein Sohn Rurik und seine Frau führen die Geschäfte weiter. „Ich bin glücklich und stolz, meine Lebensarbeit in so guten Händen zu wissen“, äußerte von Hagens. Sein Sohn betonte: „Mein Vater war ein Mensch, der nie akzeptierte, dass Grenzen unverrückbar sind. Er habe Anatomie aus dem geschlossenen Raum der Fachwelt in die Mitte der Gesellschaft gebracht. In der brandenburgischen Stadt Guben werden seit 2006 Plastinate in einer riesigen Werkstatt hergestellt, die Besucher besichtigen können. Auch Tierkörper werden dort präpariert – 2017 ging ein 300 Kilogramm schweres Blauwalherz an ein kanadisches Museum. Die meisten Präparate gehen jedoch an Universitäten weltweit, wie die Werkstatt 2016 mitteilte.
Kontroversen und Kritik
Die Ausstellungen zeigen plastinierte Tote in verschiedenen Posen: als Basketballspieler, Skateboarder oder Denker. Manche sind beim Sex dargestellt. Die Haut ist abgezogen, Muskeln und Nerven sind sichtbar. Große Kirchen lehnen dies ab; die evangelische Kirche spricht von würdelosem Umgang mit Verstorbenen. Die Städte Augsburg und Köln verboten die Darstellung einer Sexszene mit Leichen. Von Hagens kommentierte: „Kontroversen sind ein Zeichen dafür, dass meine Arbeit die Menschen berührt, zum Nachdenken anregt und Diskussionen auslöst – genau das war von Anfang an mein Ziel.“
Der Körper des Erfinders wird zum Exponat
Dass er selbst plastiniert wird, sei konsequent, sagte von Hagens kurz vor seinem 80. Geburtstag: „Es ist eine Möglichkeit, meine Überzeugung und meine Lebensarbeit über meinen Tod hinaus fortzuführen.“ Seine Frau soll bei der Plastination selbst Hand anlegen. „Erst fand ich diese Vorstellung ganz schrecklich“, sagte Whalley. „Je länger ich aber darüber nachgedacht habe, desto mehr habe ich es als einen Liebesbeweis am Partner gesehen.“ Allerdings müsse das nicht sofort geschehen: „Ein Jahr Zeit brauche ich schon vorher, solange ist er in der Kühltruhe.“ Von Hagens war bekannt für seinen Hut, den er nach Aussage seiner Frau auch zu Hause trug: „Die Anatomen trugen in der Renaissance einen Hut. Der Hut ist für ihn auch ein Symbol für das Selbstverständnis, anders zu sein.“ Sie ergänzte, er sei schon immer anders gewesen – unter anderem wegen seiner Bluterkrankheit. „Kaum jemand in der Anatomie hat ihn ernst genommen. Aber er brauchte das Schulterklopfen der Kollegen nicht.“
Laut Familie ist es von Hagens’ ausdrücklicher Wunsch, seinen Körper der Plastination zur Verfügung zu stellen. „Seine Angehörigen werden diesen Wunsch respektieren und ausführen“, hieß es.



