Protest auf dem Kurfürstendamm für den Erhalt des RAW-Geländes
Die Zukunft des RAW-Geländes in Berlin-Friedrichshain bleibt ungewiss. Am Dienstag protestierten mehrere Dutzend Menschen auf dem Kurfürstendamm mit Live-Musik und kämpferischen Appellen für den Erhalt des Kulturstandorts. Die Aktion unter dem Motto „RAW für alle – Cassiopeia & Co. müssen bleiben“ fand vor dem Büro der Kurth-Gruppe statt, der das sieben Hektar große Gelände gehört.
Hintergrund des Streits: Gescheiterte Verhandlungen
Auf der ehemaligen Industriebrache, dem früheren Reichsbahnausbesserungswerk (RAW), sind in teils baufälligen Hallen und Gebäuden Dutzende Clubs, Kneipen, Ateliers sowie Sport- und Kulturangebote untergebracht. Der private Eigentümer hatte Mitte Juni überraschend die Verhandlungen mit dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg und dem Senat über die planungsrechtliche Entwicklung für gescheitert erklärt. Nun stehe die Zukunft eines der bedeutendsten Kulturstandorte Berlins auf dem Spiel, warnten die Organisatoren.
Club Cassiopeia soll bald räumen
Bereits kommende Woche soll der Club Cassiopeia aus seinen Räumen ausziehen; weitere Einrichtungen könnten folgen. „Das Cassiopeia und das RAW-Gelände sind wie ein Zuhause und eine Familie – das darf einfach nicht geschlossen werden“, sagte Benjamin Kiepurning, der in dem Club arbeitet, der dpa. „Wir erwarten, dass die Kurth-Gruppe zurückkehrt an den Verhandlungstisch.“ Eine von ihm gestartete Petition soll Druck aufbauen und am Freitag dem Senat übergeben werden.
Zentrale Streitfrage: Wohnungsbau versus Clubkultur
Die zentrale Streitfrage zwischen dem Eigentümer sowie Senat und Bezirk ist, wann und wie viele Wohnungen auf Teilen des Geländes nahe der Warschauer Straße und der Spree gebaut werden sollen und wie viele der alten Hallen mit den Clubs erhalten bleiben. Die Verhandlungen dauern schon mehr als zehn Jahre. Die Kurth-Gruppe rügt, das Land Berlin sei von bereits vereinbarten Inhalten sowie fest verabredeten Zwischenschritten abgerückt und habe einseitige Forderungen erhoben. Der Bezirk und die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung antworteten unter der Überschrift: „Kurth-Gruppe bedroht Clubs und die vielfältige Soziokultur auf dem RAW-Gelände“. Weitere Gespräche seien nötig, um den Standort als besonderes Gelände zu bewahren.
Baugenehmigung für Wohnungsbau gefordert
Im Januar hatte die Kurth-Gruppe laut Senat eine vorgezogene Baugenehmigung für den Wohnungsbau gefordert, als Voraussetzung für die Fortführung des Planungsverfahrens. Die Senatsverwaltung und das Bezirksamt legten daraufhin Mitte Mai einen Rahmenvertrag vor, den der Eigentümer aber ablehnte. Der Entwurf widersprach laut Kurth-Gruppe in wesentlichen Punkten den zuletzt noch Ende März getroffenen Vereinbarungen und „ließ die Verabredungen der letzten zehn Jahre außer Acht“. Es gebe keine Aussicht, das Verfahren wie verabredet in spätestens drei Jahren abzuschließen.
Geschichte des RAW-Geländes
Das RAW-Gelände hat eine lange Vorgeschichte. Es wurde ursprünglich für die Wartung von Zügen der Reichsbahn genutzt. In den Jahren nach dem Mauerfall stand es leer. Später zogen zahlreiche Kneipen, Clubs und Vereine in die teilweise verfallenen Hallen und locken seitdem feierwütige junge Besucher und Touristen an. Es gibt Konzertlocations, einen großen Biergarten, eine Skaterhalle, eine Boulderhalle, Hallen voller restaurierter Möbel, im Winter einen Weihnachtsmarkt und im Sommer einen Flohmarkt.



