Eine Wohnung, drei Zimmer, Vater, Mutter, Kind – zumindest auf den ersten Blick. Dann erklingt die Ouvertüre von Richard Wagners „Rienzi“. Der berühmte Sextsprung des ersten Themas, der bekannteste, wunderschöne und, so der Kritiker Udo Badelt im Tagesspiegel, musikalisch einzig interessante Augenblick des gesamten Stücks. Was danach folgt, ist Pathos und Triumph, drastisch konterkariert von den Bildern, die die Regie zeigt: Das Kind hustet schwer und stirbt. Laut Textbuch handelt es sich um Rienzis jüngeren Bruder. Doch die Inszenierung lässt Interpretationsspielraum – könnte Rienzi nicht auch gemeinsam mit seiner Schwester Irene das Kind gezeugt haben? Inzest als Motiv, das später in Wagners Werk Karriere machen wird.
Historische Premiere in Bayreuth
Erstmals in der Geschichte der Bayreuther Festspiele wurde „Rienzi“ im Festspielhaus aufgeführt. Die Oper, die als angebliche Lieblingsoper Adolf Hitlers gilt, war bislang ein Schwergewicht, das im Bayreuther Kontext gemieden wurde. Die Premiere zeigt nach Ansicht Badelt: zu Recht. Das Stück sei künstlerisch schwer verdaulich und biete musikalisch nur wenige Höhepunkte.
Die Inszenierung und ihre Deutung
Die Inszenierung stellt die bürgerliche Familienidylle in Frage. Die Beziehung zwischen Rienzi und seiner Schwester Irene wird als potenziell inzestuös dargestellt, ein Tabu, das Wagners späteres Schaffen durchzieht. Der Tod des Kindes zu Beginn der Ouvertüre setzt einen düsteren Ton, der die heroische Musik konterkariert. Badelts Urteil fällt vernichtend aus: Das Stück sei musikalisch nur in den ersten Takten der Ouvertüre interessant, der Rest sei „Pathos und Triumph“ ohne Tiefe.
Historischer und politischer Kontext
„Rienzi“ erzählt die Geschichte des römischen Volkstribuns Cola di Rienzo, der im 14. Jahrhundert einen Aufstand anzettelt. Wagner schrieb die Oper in seinen frühen Jahren, bevor er seine revolutionären Ideen entwickelte. Hitler, so ein verbreiteter Mythos, soll die Oper geschätzt haben, was ihr einen zusätzlichen Beigeschmack verleiht. Die Aufführung in Bayreuth stellt laut Kritik einen künstlerischen Fehltritt dar, der die Frage aufwirft, warum dieses Werk überhaupt auf den Spielplan gesetzt wurde.
Fazit der Kritik
Laut Udo Badelt ist „Rienzi“ ein schwerer Brocken, der künstlerisch nicht zu überzeugen vermag. Die Inszenierung bietet zwar visuelle Reize, kann aber nicht über die musikalischen und dramaturgischen Schwächen hinwegtäuschen. Für Wagner-Experten und Festspielbesucher bleibt die Premiere ein diskussionswürdiges Ereignis, das jedoch eher bestätigt, warum das Werk lange vernachlässigt wurde.



