Ronja von Rönne, bekannt für ihre scharfzüngigen Essays und Romane, legt mit „Alles Liebe“ einen Erzählband vor, der sich mit den Abgründen toxischer Beziehungen auseinandersetzt. Der Band umfasst fünf Geschichten, die alle um Wahrheit, Lüge und die zerstörerische Dynamik zwischen Menschen kreisen. Der Einstieg in die erste Erzählung ist programmatisch: „Miriams Krebs war langweilig“ – ein Satz, der sofort verstört und neugierig macht.
Frostige Eröffnungen
Von Rönne versteht es, ihre Leser mit prägnanten ersten Sätzen zu fesseln. Neben dem bereits zitierten Beginn finden sich weitere Leadsätze, die im Journalismus als „Aufmacher“ bekannt sind: „Christina war ihm von Anfang an zu fett gewesen“ und „Welcher Vollidiot druckte Liebesbriefe bitte aus?“ Diese Sätze sind nicht nur stilistisch gelungen, sondern sie setzen den Ton für die folgenden Geschichten – kalt, direkt und schonungslos.
Die Autorin, die 2018 mit ihrem Debütroman „Wir kommen“ für Aufsehen sorgte, zeigt in „Alles Liebe“ erneut ihr Talent, psychologische Spannungen aufzubauen. Der Tagesspiegel-Rezensent Gerrit Bartels beschreibt das Buch als „Frost und Verstörung“ – eine treffende Charakterisierung für die düstere Atmosphäre, die jede der fünf Erzählungen durchzieht.
Die Dynamik toxischer Beziehungen
Im Zentrum der Geschichten stehen Paare, deren Beziehungen von Machtspielen, emotionaler Kälte und gegenseitiger Verletzung geprägt sind. Von Rönne zeigt, wie Lügen und Selbsttäuschung die Basis für diese Verbindungen bilden. In einer der Erzählungen geht es um eine Frau, die ihren Partner trotz offensichtlicher Demütigungen nicht verlassen kann – ein Muster, das viele Leser aus eigener Erfahrung kennen dürften.
Die Autorin verzichtet auf moralische Urteile oder psychologische Erklärungen. Stattdessen lässt sie die Figuren in ihren eigenen Worten und Handlungen sprechen, was den Geschichten eine beklemmende Authentizität verleiht. Die Dialoge sind knapp und oft von einer brutalen Ehrlichkeit, die den Leser nicht unberührt lässt.
Literarische Einordnung
„Alles Liebe“ ist kein Buch für zarte Gemüter. Von Rönne schreibt in einer klaren, fast nüchternen Sprache, die jedoch eine große emotionale Wucht entfaltet. Die fünf Geschichten sind in sich abgeschlossen, aber thematisch eng miteinander verwoben. Gemeinsam ergeben sie ein Panorama menschlicher Beziehungen, die an den Rand des Erträglichen gehen.
Der Band erscheint im Verlag der Autorin und ist ab sofort im Buchhandel erhältlich. Mit einer Länge von rund 200 Seiten ist er kompakt, aber dicht. Wer von Rönnes Stil mag, wird auch dieses Werk zu schätzen wissen – andere werden es vielleicht als zu pessimistisch empfinden.
Fazit
Ronja von Rönne beweist mit „Alles Liebe“ erneut ihre Fähigkeit, komplexe zwischenmenschliche Beziehungen literarisch zu erfassen. Der Erzählband ist eine lohnende Lektüre für alle, die sich für die düsteren Seiten der Liebe interessieren. Die fünf Geschichten bleiben lange im Gedächtnis – und das nicht nur wegen ihrer provokativen ersten Sätze.



