Gianna Nannini: „Meine Tochter hört lieber The Weeknd“
Gianna Nannini: Tochter hört lieber The Weeknd

Gianna Nannini (71) posiert im Berliner Hotel de Rome für den BILD-Fotografen. Am 19. September spielt die italienische Kult-Sängerin ein Konzert in der deutschen Hauptstadt: mit Orchester in der Waldbühne. Tickets sind im Vorverkauf erhältlich.

Sie klingt nach wilden, durchtanzten Nächten, aber auch nach Schmerz, Melancholie und natürlich nach Weltmeisterschaft. Gianna Nannini, Italiens Wutsängerin, die mit ihren Liedern ein Land ins Chaos oder in einen Glücksrausch stürzen kann, hat 2026 ordentlich was zu feiern: Vor 50 Jahren erschien ihr allererstes Album. Zum Jubiläum gibt es allerdings nur ein einziges Konzert – ausgerechnet in Berlin. Wieso das denn?

Warum Gianna Nannini nur in Berlin auftritt

„Ciao, come stai“, sagt Gianna Nannini zur Begrüßung und sieht aus, als hätte sie ein paar Tage durchgerockt. Erst im Laufe des Gesprächs wird klar: Die Sängerin macht das absichtlich. Die zerzausten Haare, der lässige Look, sobald eine Strähne zu glatt liegt, verwuschelt Gianna ihre Mähne wieder.

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Als ihr Team anmerkt, ob sie sich wirklich auf dem Sofa liegend fotografieren lassen möchte, winkt sie ab: „Klar, wieso nicht?“ Sie wollte noch nie irgendeiner Norm oder Erwartung anderer entsprechen. Sonst hätte sie ja gleich die Konditorei ihres Vaters übernehmen können. Diese entstand aus Sienas ältestem Café. Heute ist sie ein Familienimperium mit Online-Shop, geführt von Giannas Bruder.

Nanninis zweite Heimat ist Berlin

Sie hätte also sehr schnell, sehr viel Geld verdienen können. Aber Gianna wollte lieber Musik machen. Singen, frei sein, arrivederci Elternhaus. Mit 18 zog sie aus, studierte Klavier und Komposition, aber eigentlich war Rockstar ihr Berufswunsch. Also ab auf die Bühne. Papa Danilo fand das gar nicht gut, erst am Ende seines Lebens sagte er zu seiner Tochter: „Du bist ein Genie, du hast alles richtig gemacht.“ Das scheint so: über 30 Millionen verkaufte Alben, Welthits („Bello e impossibile“), Kult-Status. Nicht nur in Italien, sondern auch bei uns.

Der Grund: die WM 1990. Deutschland wurde bekanntlich Fußball-Weltmeister und Gianna Nannini lieferte den Sound dazu: „Un’estate italiana“, der offizielle Turnier-Song, ist für viele Deutsche bis heute untrennbar mit dem WM-Finale in Rom verbunden.

Jetzt treffen wir uns in Berlin. „Die Stadt ist meine zweite Heimat“, sagt Gianna Nannini zu BILD und schwärmt: „Ich habe hier schon vor dem Mauerfall in vielen Nächten bis zum Morgen getanzt.“ Das sei der Grund, warum sie in diesem Jahr nur einmal und nur hier auftritt (am 19. September in der Waldbühne). „In Deutschland habe ich meine Liebe zum Rock’n’Roll entdeckt“, erklärt die Sängerin. „In Italien kam diese Musik viel später an.“

Nannini singt auch über Politik – und Masturbation

Die Lieder auf ihrem ersten Album („Gianna Nannini“) sind noch ruhiger als vieles, was sie später schrieb, dafür umso schärfer. „Meine Stimme klingt da wie ein Embryo“, sagt Gianna. „Ich war damals noch keine reife Frucht, eher eine Blume. Aber die Songs waren echt und ich weiß noch heute, warum ich sie geschrieben habe.“

Zum Beispiel aus Wut. Weil damals in Italien Schwangerschaftsabbrüche verboten waren. Eine Freundin von Gianna versuchte es selbst – und starb dabei. Gianna Nannini verarbeitet den Verlust in „Morta per autoprocurato aborto“ (dt.: „Tod durch selbst herbeigeführte Abtreibung“), 1976 ein absolutes Skandal-Lied in Italien. 1978 kam die Gesetzesänderung, seither sind Abtreibungen unter Auflagen erlaubt.

Gianna Nannini provoziert gerne, sie singt etwa über Politik oder Masturbation. Auch ihr Privatleben taugte immer wieder zum Skandal. Seit über 40 Jahren ist die Künstlerin mit Carla zusammen – ihrer großen Liebe. Aber: eine Frau! Ja, im konservativen Italien regte man sich früher darüber auf.

Ihre zweite Liebe, Giannas großes Glück, heißt Penelope, heute 16. Als ihre Tochter zur Welt kam, war Nannini 55. „Wie kann man nur?“, echauffierten sich damals viele, Mamma mia! Bis heute muss sich die Sängerin Fragen zu ihrer späten Mutterschaft gefallen lassen, auch deshalb zogen sie nach London.

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Warum Giannas Tochter von ihr genervt ist

Mittlerweile lebt die Familie wieder in Mailand. „Penelope geht dort auf eine internationale Schule und ist genervt, dass ihre Mama eine bekannte Sängerin ist.“ Wenn Gianna von ihr erzählt, strahlt sie und ergänzt mit einem Grinsen: „Meine Tochter hört lieber The Weeknd, als mich. Aber so langsam nähert sie sich meinem Werk an, sie hat keine festen Idole.“

Gianna Nannini redet leise, dennoch hört man das raubeinige Krächzen in ihrer Stimme. Die Nannini auf der Bühne ist auch mit über 70 noch wild, laut, ungestüm, Rock’n’Roll pur. Und die private Gianna? „Die ist entspannt, oftmals auch einfach nur müde“, sagt sie. „Meine Tochter gibt mir inneren Frieden, aber sie wird älter, selbstständiger. Das ist schön und fordernd zugleich.“

Gianna Nannini lebt in der Stadt, Ruhe findet sie auf dem Land. Dort produziert sie Olivenöl und Wein. Den bringt sie auch gerne mal zu Mittags-Meetings mit – oder schenkt ihn nach ihren Konzerten im Backstage-Bereich aus.

50 Jahre Gianna Nannini auf der Bühne, wie denkt sie selbst darüber? „Ich bin sehr stolz“, sagt sie. „Aber ich plane schon die nächsten 50 Jahre. Als Nächstes kommt eine Oper von mir.“ Eine Oper von der Rock-Röhre? Bei Gianna ist einfach nichts impossibile.