Mehr als 3.400 bestätigte Fälle und über 1.500 Tote binnen drei Monaten: Die aktuelle Ebola-Epidemie im Osten der Demokratischen Republik Kongo droht zu eskalieren. Das Virus breitet sich rasant aus – schneller als je zuvor. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden über 80 Prozent der Neuerkrankungen außerhalb der Kontaktlisten anderer Patienten entdeckt, was zeigt, dass die Übertragungsketten kaum unterbrochen werden können.
Drittschwerster Ausbruch der Geschichte
Bereits nach wenigen Monaten handelt es sich um den drittschwersten jemals registrierten Ebola-Ausbruch. Die WHO hatte Mitte Mai den Gesundheitsnotstand ausgerufen. Der erste nachgewiesene Patient starb Ende April in der Grenzprovinz Ituri, in der etwa acht Millionen Menschen leben. Experten gehen jedoch davon aus, dass das Virus bereits seit Februar in der Region zirkuliert. Die tatsächliche Zahl der Infizierten könnte nach WHO-Schätzungen zwei bis vier Mal höher liegen als die bestätigten Fälle.
Der Berliner Epidemiologe Maximilian Gertler, der für Ärzte ohne Grenzen (MSF) mehrfach im Ebola-Einsatz war, sagt der Deutschen Presse-Agentur: „Die Lage sieht derzeit wesentlich dramatischer und dynamischer aus als zu Beginn der bislang schlimmsten Ebola-Epidemie in Westafrika 2014.“ Damals starben binnen zwei Jahren mehr als 11.000 Menschen. „Es gibt leider im Moment kaum Anzeichen dafür, dass wir diese Epidemie besser, effektiver und früher stoppen können als die Epidemie von 2014/15.“
Hohe Todesrate und gefährliche Verzögerungen
Die Todesrate liegt bei etwa 44 Prozent. Verantwortlich ist die Bundibugyo-Variante des Ebolavirus, gegen die es noch keine gezielten Impfstoffe oder Medikamente gibt. Bei früheren Ausbrüchen dieser Variante 2007 in Uganda und 2012 im Kongo lag die Todesrate bei 30 bzw. 50 Prozent. Viele Erkrankte kommen erst mit kritischen Symptomen in die Behandlungszentren, wenn die Überlebenschancen gering sind. Zwei Drittel der Toten sterben laut WHO in ihren Gemeinden und werden nie in einer Ebola-spezialisierten Einrichtung behandelt – ein besonders hohes Risiko für pflegende Angehörige.
Die Epidemie breitet sich auch räumlich aus. Mittlerweile gibt es Fälle in fünf Provinzen, darunter direkt an der belebten Grenze zum armen und instabilen Südsudan. In den Provinzen Nord-Kivu und Ituri kämpfen Rebellen gegen die Regierung, was die Arbeit der Helfer massiv erschwert. Hunderttausende Vertriebene leben in Behelfslagern mit schlechten sanitären Verhältnissen und kaum medizinischer Versorgung. Krankheiten wie Malaria und Cholera, die ähnliche Symptome wie Ebola verursachen, sind weit verbreitet.
Warum die Eindämmung scheitert
Obwohl knapp 950 Betten in Isolations- und Behandlungszentren bereitstehen, sind die Kapazitäten ungleich verteilt. Während die Einrichtungen in Nord-Kivu mit 136 Prozent überbelegt sind, ist in Ituri ein Drittel der Betten frei. „Angesichts der Dynamik der Epidemie und der sehr heterogenen Sicherheitslage vor Ort ist es sehr schwer, rechtzeitig ausreichend Kapazitäten unmittelbar dort zu haben, wo es am dringendsten ist“, sagt Gertler. Die Nachverfolgung der Kontaktpersonen liegt derzeit bei 78 Prozent – nötig wären 95 Prozent.
Mangelnde Aufklärung und Misstrauen in der Bevölkerung verschlimmern die Lage. Viele Menschen haben Angst, Erkrankte in Behandlungszentren zu bringen, von denen sie nur Gerüchte kennen. „Vielen fehlt das Vertrauen in das Gesundheitssystem sowie die Bildung, um Übertragungswege nachvollziehen zu können“, erklärt Gertler. Helfer werden immer wieder angegriffen. In diesem Jahr wurden allein in den drei betroffenen Provinzen mindestens rund 1.100 Zivilisten durch Konflikte getötet, wie die Konfliktdatenorganisation Acled berichtet.
Maßnahmen und Hoffnung auf Impfstoff
Seit dem 24. Juli läuft die erste Phase der Tests an Menschen eines Impfstoffs der Universität Oxford gegen die Bundibugyo-Variante. Nach Angaben der Entwickler stehen bereits 620.000 Dosen bereit, doch eine großflächige Impfung wird frühestens in Monaten möglich sein. Parallel werden zwei antivirale Therapien klinisch getestet: der monoklonale Antikörper MBP134 und das Medikament Remdesivir. Auch eine Studie zur Postexpositionsprophylaxe mit Obeldesivir läuft, um Infektionen bei engen Kontaktpersonen zu verhindern.
Beim zweitschwersten Ebola-Ausbruch 2018–2020 im Ostkongo starben rund 2.300 Menschen. Damals wurden über 300.000 Kontaktpersonen mit einem Impfstoff gegen die Zaire-Variante geimpft. Die WHO betont jedoch, dass Vertrauensaufbau in der Bevölkerung entscheidend ist. Traditionelle und religiöse Autoritäten wurden als Vermittler eingebunden.
Düstere Aussichten
Ebola-Experte Gertler fordert dringend mehr Isolierbetten, intensivere Kontaktnachverfolgung und einen massiven Ausbau der Aufklärung. „Wenn das nicht in ausreichendem Maße geschieht, müssen wir gegenwärtig davon ausgehen, dass der Ausbruch sich noch sehr lange, mit Sicherheit im nächsten Jahr, fortsetzen wird und auch andere Länder in der Region erreicht werden können.“
Die internationale Gemeinschaft steht vor der Herausforderung, die Epidemie unter extrem schwierigen Bedingungen einzudämmen. Ohne sofortige und koordinierte Maßnahmen droht eine Katastrophe historischen Ausmaßes.



