Ein Gipfel der Extreme: Von scharfer Kritik zur Harmonie
Dasha Burns, Leiterin des „Politico“-Büros im Weißen Haus und seit fast zehn Jahren Trump-Berichterstatterin, war beim Nato-Gipfel in Ankara dabei. Sie schildert einen Tag voller spektakulärer Momente. Ihr zweites Interview mit Nato-Generalsekretär Mark Rutte fand dort statt – das erste war bei der Sicherheitskonferenz in München. Rutte beschreibt sie als unerschütterlichen Optimisten, der hinter den Kulissen derselbe sei wie im Fernsehen: unermüdlich darauf bedacht, die Allianz zusammenzuhalten. In dieser Ära bedeute das vor allem eines: „Daddy glücklich zu machen“ – womit Donald Trump gemeint ist.
Ruttes Taktik: Trump in allem rechtgeben
Rutte habe sich beim Gipfel regelrecht verbogen, um sicherzustellen, dass Trump das Treffen mit einem guten Gefühl verlässt. Zu Beginn des Tages war das keineswegs garantiert. Trump saß neben Rutte vor dem eigentlichen Gipfel und kritisierte scharf, wie die Nato den Konflikt mit dem Iran gehandhabt hatte, wie sie mit Grönland umging. Er drohte Spanien mit Handelssanktionen. Den Iran nannte er wörtlich „scum“ – also Abschaum. Rutte saß still daneben und schaute zu.
Der radikale Umschwung: Vom Chaos zum Liebesfest
Dann kam der Umschwung – und er war radikal. Im großen Meeting der 32 Staats- und Regierungschefs änderte sich die Stimmung völlig. Nachrichten aus dem Saal erreichten Burns hinter den Kulissen: Trump komplimentiere jeden, die Stimmung sei herzlich, es würden Witze gemacht. Es sei fast ein Liebesfest. Leute, die ihr aus dem Saal schrieben, sagten: „Das ist etwas schockierend – aber gut.“ Trump selbst sagte nach dem Treffen: „Alle lieben mich. Ich liebe alle – sogar die, von denen ich dachte, ich möge sie nicht so sehr. Sie haben wirklich einen Zahn zugelegt. Das war die geeinteste Nato, die ich je erlebt habe.“
Ruttes Taktik: Trump hatte recht – mit allem
Die Stimmungsschwünge waren auf dem gesamten Nato-Campus spürbar. Der rote Faden dahinter war Ruttes Taktik: Trump in allem rechtzugeben. Er hatte recht, Europa zu mehr Ausgaben zu drängen. Er hatte recht, beim Iran hart zu sein. Er hatte recht, die Verbündeten unter Druck zu setzen, damit sie militärisch mehr leisten. Viele Verbündete sind genervt von dieser Haltung, aber das positive Ende des Gipfels war maßgeblich Ruttes Kurs zu verdanken. Was das inhaltlich bedeutet, bleibt eine große Frage. Viele Verbündete sehen Trump inzwischen als „mehr Bellen als Beißen“. Er droht, zieht zurück, droht, zieht zurück. Doch der Gipfel endete besser, als alle erwartet hatten.
Die Atmosphäre in Ankara: Angespannt, fasziniert, aufgeladen
Für die Delegierten und Diplomaten, die Trump nicht regelmäßig begegnen, ist dieser Mann nach wie vor ein absolutes Phänomen. Überall auf dem Gipfelgelände drehte sich alles um ihn: Was wird er sagen? Was wird er tun? Die völlig verspätete Pressekonferenz von Trump nach Ende des Gipfels war – so Burns – „irre“. Ausländische Journalisten stürmten regelrecht in den Saal. Sie saßen wie Sardinen, Burns auf dem Boden, umgeben von Kollegen. Die Atmosphäre fühlte sich an wie eine Show, wie das Warten auf einen Celebrity-Auftritt. Die Spannung, bevor er die Bühne betritt. So fühle sich Weltpolitik im Jahr 2026 an.



