Catia Porri kam 1962 mit ihren Eltern aus Italien in die Schweiz. Sie war damals ein kleines Kind und ahnte nicht, dass sie bald monatelang das Haus nicht verlassen würde. Ihre Eltern waren Saisonarbeiter, die in der Schweiz arbeiteten, aber ohne Aufenthaltsbewilligung. Um nicht abgeschoben zu werden, musste die Familie im Verborgenen leben.
Die Angst vor Entdeckung
Porri erinnert sich, dass sie ständig Angst hatte, entdeckt zu werden. „Ich durfte nicht spielen gehen, nicht zur Schule, nicht einmal auf den Balkon“, erzählt sie. Die Familie lebte in einer kleinen Wohnung, und Porri verbrachte ihre Tage drinnen, oft allein, während die Eltern arbeiteten. Die Nachbarn wussten nichts von ihrer Existenz.
Der gefrorene Zürichsee als seltene Freiheit
Ein besonderer Moment war der gefrorene Zürichsee. „Einmal, im Winter, nahm mich meine Mutter mit auf den See. Es war einer der wenigen Momente, in denen ich draußen sein durfte“, sagt Porri. Dieses Bild – sie und ihre Mutter auf dem Eis – ist ihr bis heute im Gedächtnis geblieben. Es symbolisiert für sie die kurzen Augenblicke der Freiheit in einer sonst versteckten Kindheit.
Die Situation der Saisonarbeiter in der Schweiz
In den 1960er Jahren kamen viele italienische Gastarbeiter in die Schweiz. Sie waren oft als Saisonarbeiter beschäftigt und hatten nur temporäre Aufenthaltsbewilligungen. Ihre Familien durften nicht nachkommen, und viele lebten illegal im Land. Nach Angaben des Schweizer Bundesamts für Statistik waren 1960 rund 300.000 Italiener in der Schweiz beschäftigt, viele unter prekären Bedingungen.
Die Auswirkungen auf die Kinder
Kinder wie Catia Porri wuchsen im Verborgenen auf. Sie hatten kaum Kontakt zur Außenwelt, keine Schulbildung und lebten in ständiger Angst. Porri betont, dass diese Erfahrung sie geprägt hat: „Ich fühlte mich unsichtbar. Es hat lange gedauert, bis ich gelernt habe, dass ich ein Recht habe, gesehen zu werden.“
Ein Leben nach dem Versteck
Erst als die Schweiz 1970 das Saisonarbeiterstatut lockerte, konnte Porri offiziell bleiben. Sie ging zur Schule, machte eine Ausbildung und baute sich ein Leben auf. Heute lebt sie in Zürich und arbeitet als Sozialarbeiterin. Ihre Geschichte teilt sie, um auf die Schicksale von Migrantenkindern aufmerksam zu machen. „Viele haben ähnliches erlebt, aber niemand spricht darüber“, sagt sie.



