CSD-Anschlag in Berlin: Abdul Ballout getötet – IS-Bekennervideo auf Handy
CSD-Anschlag Berlin: Täter getötet, IS-Video gefunden

Nach dem islamistischen Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin ist der tatverdächtige Abdul Ballout bei einem Polizeieinsatz getötet worden. Der 21-jährige deutsche Staatsbürger mit libanesischem Hintergrund war am Samstag mit einem Kleinbus in eine Menschenmenge am Rande der CSD-Veranstaltung gefahren. Eine Frau, eine polnische Staatsangehörige, kam ums Leben, 31 Menschen wurden verletzt, wie Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) am Dienstag mitteilte. Er korrigierte damit die bisherige Zahl von 29 Verletzten. Ballout soll auch mit einer Stichwaffe auf Menschen eingestochen haben.

IS-Bekennervideo und Machetenscheide gefunden

Die Bundesanwaltschaft bestätigte, dass die Polizei auf dem Handy des Täters ein Bekennervideo fand. Laut einem Sprecher ist der Mann in dem Clip vermummt, bekennt sich aber auf Arabisch zum Anschlag im Tiergarten und zur Terrororganisation „Islamischer Staat“. Das Video soll am Tattag aufgenommen worden sein. Das Handy wurde im Tatwagen entdeckt, einem weißen Kleinbus. Außerdem fanden die Ermittler eine Machetenscheide; die Machete selbst fehlt – möglicherweise entsorgte Ballout sie während seiner Flucht. Mantrailer-Hunde halfen, seinen Fluchtweg nachzuvollziehen: Über die Straße des 17. Juni, den Platz des 18. März und den Friedrich-Ebert-Platz am Reichstag bis zum Bahnhof Friedrichstraße, von wo er nach Spandau fuhr. Auf der Strecke waren kurz nach dem Anschlag noch Tausende CSD-Besucher unterwegs.

Zwei Cousins von Abdul Ballout waren offenbar ebenfalls IS-Kämpfer. Die genauen Verbindungen werden noch ermittelt. Ballout selbst hatte zuvor versucht, sich dem IS in Syrien anzuschließen. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) und Wegner sprachen von einem „islamistischen Terroranschlag“.

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Versäumnisse bei der Überwachung?

Laut einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ wurde Ballout noch eine Stunde vor dem Anschlag von einer Kamera des Landeskriminalamts (LKA) Berlin gefilmt, als er sein Haus verließ. Das LKA hatte die Kamera gegenüber seinem Hauseingang installiert. Bereits Anfang Mai hatte es eine Sitzung des Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrums (GTAZ) zu seinem Fall gegeben. Die Fachleute kamen zu dem Schluss, es bestehe ein erhebliches Risiko, dass Ballout erneut ausreise oder einen Anschlag begehe. Diese Einschätzung wurde jedoch nicht mit dem Jugendschöffengericht geteilt, das über die Fortdauer der Untersuchungshaft entscheiden sollte. Nach seiner Freilassung Mitte Mai wurde Ballout in die Risikokategorie „Rot“ eingestuft. Weil die Observation keine konkreten Anzeichen für eine Gefahr ergab, lockerte das LKA die Überwachung. Lediglich die Kontrolle von Telefon und Internet sowie die Kamera blieben bestehen.

Der Extremismus-Berater Thomas Mücke vom Violence Prevention Network (VPN) sagte der „Berliner Morgenpost“, Ballout habe einen jahrelangen Radikalisierungsprozess hinter sich – keine „Turboradikalisierung“. Er habe an zwei Kontaktgesprächen mit VPN-Mitarbeitern teilgenommen; ein drittes war für den Tag nach dem Anschlag geplant. In den Gesprächen habe es kein Bedrohungssignal gegeben. „Wenn wir merken, die Person steht unter emotionalem Handlungsdruck, äußert Hass oder ist akut aggressiv, geben wir das sofort weiter“, erklärte Mücke. „All das ist nicht vorgekommen.“

Politische Reaktionen und Forderungen

Nach dem Anschlag will die SPD das Diskriminierungsverbot wegen sexueller Identität ins Grundgesetz aufnehmen. Die Parteivorsitzenden Bärbel Bas und Lars Klingbeil sowie Generalsekretär Tim Klüssendorf kündigten an, eine Ergänzung von Artikel 3 Absatz 3 um das Merkmal „sexuelle Identität“ mit Nachdruck auf die Tagesordnung zu setzen. Der schwarz-rote Berliner Senat hatte bereits im Sommer 2025 eine Bundesratsinitiative beschlossen, die der Bundesrat im September 2025 annahm. Der Gesetzentwurf liegt seit fast einem Jahr dem Bundestag vor, wurde aber noch nicht behandelt. Wegner bekräftigte im Tagesspiegel-Interview: „Ich wünsche mir, dass der Bundestag gerade auch in diesen Zeiten ein klares Bekenntnis abgibt und wir die Änderung des Grundgesetzes hinbekommen.“

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Wegner selbst erklärte auf einer Pressekonferenz, der Islamismus sei „ganz klar“ die größte Gefahr für die queere Gemeinschaft in Deutschland. „Die Regenbogenflagge gehört in die Mitte unserer Gesellschaft.“ Zugleich forderte er härtere Maßnahmen gegen Gefährder, darunter elektronische Fußfesseln. „Wir müssen dafür sorgen, dass diese Gefährder zu jeder Zeit unter Kontrolle sind“, so Wegner. Für die Überwachung eines einzigen Gefährders seien 30 Polizisten nötig – daher seien neue technische Kontrollmöglichkeiten erforderlich.

Der LSVD – Verband Queere Vielfalt legte einen Zehn-Punkte-Katalog mit Sofortforderungen vor, darunter eine bessere Zusammenarbeit zwischen Justiz, Innen, Soziales und Bildung mit der queeren Zivilgesellschaft, hauptamtliche LSBTIQ*-Ansprechpersonen bei allen Polizeibehörden und eine bundesweite Fortbildung zum Umgang mit queerfeindlicher Hasskriminalität. „Hören Sie den Forderungen nach einer besseren Bekämpfung queerfeindlicher Hasskriminalität endlich zu, die wir seit Jahren stellen“, forderte Bundesvorstandsmitglied Andre Lehmann.

Trauer und Gedenken

Am Sonntagabend zogen Tausende bei einem Trauermarsch von der Marienkirche zum Brandenburger Tor. Bereits am Nachmittag hatten 8000 bis 10.000 Menschen an einer Trauerkundgebung teilgenommen. In Potsdam versammelten sich Hunderte auf dem Alten Markt. Der Potsdamer Wolfgang Weber rührte die Menge mit einer emotionalen Rede, in der er Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) kritisierte. Auch in Warschau wird am Dienstagabend der getöteten Polin vor der Deutschen Botschaft gedacht. Die polnische Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen wegen Terroranschlags aufgenommen: „Dies ist ein Verbrechen, das mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft wird“, teilte die Behörde mit.

Hotline für Betroffene und Dialogangebote

Das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales richtete eine Hotline für Betroffene des Anschlags ein. Unter der Nummer 030-902296300 können sich Verletzte, Zeugen und Angehörige über Hilfen nach dem Sozialen Entschädigungsrecht informieren, insbesondere über Traumaambulanzen. Die Hotline ist montags bis freitags von 7.30 bis 16 Uhr erreichbar.

Die Khadija-Moschee Berlin lädt als Reaktion auf den Anschlag zu Dialogaktionen und einem offenen Freitagsgebet zum Thema Islamismus ein. Imam Scharjil Khalid betonte: „Dass der Islam für diese entsetzliche Tat instrumentalisiert worden sein soll, erfüllt uns mit doppelter Trauer. Umso wichtiger ist es jetzt, dem Extremismus entschieden entgegenzutreten und Extremisten nicht die Deutungshoheit über den Islam zu überlassen.“