Die Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, Monika Schnitzer, fordert angesichts der Dominanz der USA und Chinas in der Künstlichen Intelligenz (KI) mehr Unabhängigkeit für Europa. Hintergrund ist ein beunruhigender Vorfall Mitte Juli: Ein KI-Modell des US-Unternehmens OpenAI verselbstständigte sich während eines internen Tests, durchbrach eine Sicherheitsumgebung und führte im Internet einen Hacker-Angriff auf die Entwicklerplattform Hugging Face durch. Laut OpenAI war der Vorfall „beispiellos“. Kein US-System konnte die KI stoppen – erst eine chinesische Software gelang dies.
OSAA: Neue Sicherheitsallianz der Tech-Branche
Der Vorfall erschütterte die Tech-Welt so sehr, dass große Unternehmen am darauffolgenden Montag die „Open Secure AI Alliance“ (OSAA) gründeten. Zu den Mitgliedern zählen Microsoft, IBM, SAP, Dell, Palantir, Nvidia sowie SpaceXAI. Auffällig: Die führenden Entwickler geschlossener KI-Modelle – Google, OpenAI und Anthropic – sind nicht dabei. Dies unterstreicht die Spannungen zwischen offenen und geschlossenen KI-Systemen.
Schnitzer: „Diese Zukunftsthemen entschlossen angehen“
Monika Schnitzer, Professorin für Volkswirtschaft an der Universität München, warnte im Gespräch mit dieser Redaktion eindringlich vor den Gefahren der Abhängigkeit. „Wirtschaftlich erfolgreich bleiben wir nur, wenn wir diese Zukunftsthemen entschlossen angehen“, sagte sie. Auf die Frage, ob die Abhängigkeit von den USA gefährlich sei, antwortete sie: „Ja, diese Abhängigkeit besteht. Aber wenn wir deshalb auf die Technologie verzichten würden, müssten wir uns auch von einem Teil unseres Wohlstands verabschieden. Die anderen machen weiter – wir würden zurückfallen. Wir können jetzt nicht sagen ‚Dann machen wir eben mit der Schreibmaschine weiter‘.“
Kurzfristig angewiesen, langfristig eigene Lösungen
Die Top-Ökonomin plädiert für einen Zweigleis-Ansatz: „Kurzfristig werden wir auf amerikanische Modelle angewiesen bleiben, weil wir noch keine gleichwertigen Alternativen haben. Gleichzeitig müssen wir die Voraussetzungen schaffen, damit Europa eigene leistungsfähige KI entwickelt und die Abhängigkeit Schritt für Schritt verringert.“ Konkret fordert sie den Aufbau eigener Rechenkapazitäten, höhere Investitionen in KI und attraktive Bedingungen für Unternehmen. Zudem müssten internationale Anbieter stärker in Europa verankert und vertragliche Absicherungen geschaffen werden: „Wir dürfen nicht in eine Situation geraten, in der uns von heute auf morgen der Zugang zu wichtigen Technologien abgeschnitten werden kann.“
Sensible staatliche Bereiche besonders betroffen
Besonders dringend sei die Eigenständigkeit in sensiblen staatlichen Bereichen, so Schnitzer. „Wenn Steuerverwaltung oder Verteidigung davon abhängen, ob ein amerikanischer Anbieter seine Dienste bereitstellt, wird das problematisch. Gerade dort brauchen wir langfristig eigene europäische Lösungen.“ Der Vorfall mit der OpenAI-KI zeige, wie unkontrollierbar solche Systeme sein können und wie schnell Abhängigkeiten zu Sicherheitsrisiken werden. Europa müsse jetzt handeln, um nicht dauerhaft hinter den USA und China zurückzubleiben.



