Ein schweres Erdbeben hat Venezuela erschüttert und nach Einschätzung von Experten könnte die Zahl der Todesopfer auf bis zu 30.000 steigen. Der Bauingenieur Božidar Stojadinović, Professor für Erdbebeningenieurwesen an der ETH Zürich, erklärte in einem Interview mit dem SPIEGEL, warum die Folgen so verheerend sind und dass das Schlimmste möglicherweise noch bevorsteht.
Bodenverflüssigung und Gebäudeeinstürze
Das Beben, das sich am 26. Juni 2026 ereignete, führte zu einer sogenannten Bodenverflüssigung, bei der der Untergrund seine Tragfähigkeit verliert und sich wie eine Flüssigkeit verhält. „Der Boden verflüssigte sich, Gebäude kippten wie sinkende Schiffe“, beschrieb Stojadinović die Szenerie. In der Hafenstadt Catia la Mar, nahe der Hauptstadt Caracas, stürzten zahlreiche Gebäude ein. Rettungskräfte arbeiteten unter schwierigsten Bedingungen, um Überlebende zu bergen.
Schlimmste Szenarien realistisch
Auf die Frage nach der möglichen Opferzahl antwortete Stojadinović: „Eine Größenordnung von 20.000 bis 30.000 Toten ist leider realistisch.“ Er betonte, dass die Infrastruktur in vielen betroffenen Gebieten nicht erdbebensicher sei. „Es fällt ein Stockwerk nach dem anderen übereinander zusammen wie bei einem Kartenhaus“, so der Experte. Die Rettungsarbeiten werden durch die zerstörten Straßen und Brücken massiv behindert.
Nachbeben und Versorgungskrise drohen
Stojadinović warnte zudem vor starken Nachbeben, die weitere Schäden verursachen könnten. „Das Schlimmste könnte noch bevorstehen, wenn die Versorgung mit Wasser, Nahrung und medizinischer Hilfe zusammenbricht“, sagte er. Die Behörden haben den Notstand ausgerufen und internationale Hilfe angefordert. Die Vereinten Nationen und mehrere Länder haben bereits Unterstützung zugesagt.
Bauweise und Vorwarnung
Der Bauingenieur kritisierte die mangelnde Vorbereitung auf Erdbeben in der Region. „Viele Gebäude wurden ohne ausreichende Verstärkungen gebaut, und es gab keine wirksamen Frühwarnsysteme“, erklärte er. Die Rettungskräfte konzentrieren sich derzeit auf die Suche nach Überlebenden, doch die Zeit drängt. „Jede Stunde zählt, um Menschen unter den Trümmern zu retten“, so Stojadinović.
Das Erdbeben in Venezuela ist eines der schwersten in der Geschichte des Landes. Die genaue Zahl der Opfer wird erst in den kommenden Tagen feststehen, doch die Prognosen sind düster. Die internationale Gemeinschaft ist aufgerufen, schnelle Hilfe zu leisten, um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern.



