Russland: Ölexporte steigen trotz Raffinerieausfällen – Benzin wird knapp
Russland: Ölexporte steigen – Benzin wird knapp

Rekordexporte trotz Raffinerieausfällen

Russland steuert Insidern zufolge im Juni auf Rekordexporte von Rohöl über seine westlichen Häfen zu, kämpft im Inland jedoch gleichzeitig mit massiven Treibstoffengpässen. Wegen der Ausfälle von Raffinerien infolge ukrainischer Drohnenangriffe leite die Regierung in Moskau das ungenutzte Rohöl in den Export um, wie drei Personen aus Handels- und Hafenkreisen am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters sagten. Um die Lücken bei den Kraftstoffen im eigenen Land zu schließen, hat Russland vier Brancheninsidern zufolge seinen Nachbarn Kasachstan um die Lieferung von 50.000 Tonnen Benzin gebeten.

Die Rohöl-Verladungen aus den Ostseehäfen Primorsk und Ust-Luga sowie dem Schwarzmeerhafen Noworossijsk dürften in diesem Monat demnach rund 2,7 Millionen Barrel pro Tag (bpd) erreichen. Einem der Insider zufolge könnten die Lieferungen auf bis zu 2,8 Millionen bpd steigen. Dies würde die im Mai exportierten rund 2,5 Millionen bpd übertreffen und die vorläufige Prognose für Juni um etwa eine Million bpd übersteigen. Die höheren russischen Exporte könnten Händlern zufolge zusätzlichen Druck auf die weltweiten Ölpreise ausüben. Diese werden zudem durch ein erhöhtes iranisches Angebot belastet, da Käufer in China und Indien wegen einer US-Ausnahmeregelung verstärkt auf Öl aus dem Iran zurückgreifen.

Benzinmangel im Inland

Im Inland machen sich die russischen Raffinerieausfälle derweil immer stärker bemerkbar. Mehrere russische Regionen haben Verkaufsbeschränkungen eingeführt, es kommt zu langen Schlangen an Tankstellen. Die russische Benzinproduktion ist bis Ende Juni im Vergleich zum Vorjahr um rund ein Viertel eingebrochen. Die erbetenen Benzinlieferungen aus Kasachstan könnten einem Insider zufolge im Tausch gegen russisches Kerosin erfolgen. Kasachstan selbst steht wegen steigender Nachfrage und Wartungsarbeiten in einer eigenen Anlage vor einem Kerosin-Engpass. Das russische Energieministerium äußerte sich auf Nachfrage zunächst nicht. Der kasachische Energieminister hatte erklärt, es liege keine offizielle Anfrage aus Moskau vor.

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Die Regierung in Moskau erwägt einem Insider zufolge eine Reihe von Maßnahmen, um den heimischen Markt zu stabilisieren. Dazu gehörten Exportbeschränkungen, höhere Subventionen für Raffinerien und Importe. Zudem erlaube Moskau den Raffinerien, Treibstoff mit niedrigeren Qualitätsstandards für den heimischen Markt zu produzieren. Der stellvertretende Ministerpräsident Alexander Nowak soll eine bevorzugte Belieferung von Regionen angeordnet haben, deren Versorgung von saisonalen Faktoren abhänge, meldete die russische Nachrichtenagentur Interfax.

Moskauer Raffinerie fällt monatelang aus

Die wichtigste Raffinerie für die russische Hauptstadtregion fällt Branchenkreisen zufolge nach ukrainischen Drohnenangriffen wahrscheinlich den Rest des Jahres aus. Die Anlage am südlichen Stadtrand von Moskau sei schwer beschädigt worden, sagten zwei Insider der Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch. „Die Reparatur wird mindestens ein halbes Jahr dauern“, erklärte eine der mit den Vorgängen vertrauten Personen. Der Betreiber Gazprom Neft reagierte zunächst nicht auf eine Bitte um Stellungnahme. Die Anlage war in den vergangenen Wochen zweimal getroffen worden und musste den Betrieb einstellen. Der Ausfall der Raffinerie macht es für Russland schwerer, dem akuten Spritmangel im Land zu begegnen.

Belarus bestellt Tausende Reservisten ein

In der belarussischen Region Hrodna laufen derzeit Mobilisierungsübungen, bei denen Reservisten in großer Zahl zu Sammelstellen einbestellt werden. Besonders betroffen ist der Kreis Aschmjany, der direkt an Litauen und damit an die EU grenzt. Wie das belarussische Verteidigungsministerium mitteilte, nehmen sämtliche Militärkommissariate der Region an den planmäßigen Übungen teil. Im Rahmen der Maßnahmen wird der Mobilisierungsbestand überprüft und aktualisiert. Seit dem 20. Juni arbeitet das Militärkommissariat des Kreises Aschmjany im verstärkten Modus und lädt Reservisten zur Überprüfung ihrer persönlichen Daten und Militärunterlagen vor. Die Kontrollen finden an eigens eingerichteten Sammelpunkten statt. Nach offiziellen Angaben sollen rund 2000 Einwohner des Kreises erfasst und ihre Daten aktualisiert werden. Die Übungen sind in mehrere Phasen gegliedert und sollen bis zum 2. Juli abgeschlossen werden.

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Sewastopol auf der Krim von Stromversorgung abgeschnitten

Die von Russland besetzte Stadt Sewastopol auf der Krim ist nach einer nächtlichen Drohnenattacke vollständig von der Stromversorgung abgeschnitten worden. Der von Moskau eingesetzte Gouverneur Michail Raswoschajew erklärte, dass die massiven Angriffe auf die Energieinfrastruktur in der Nacht zum 24. Juni zu einem vollständigen Stromausfall in der Stadt geführt hätten. Augenzeugen und lokale Monitoring-Kanäle berichteten von zahlreichen Explosionen, die während der Nacht auf der gesamten Halbinsel zu hören gewesen seien. Als Hauptziel der Angriffe gilt das Balaklawa-Kraftwerk in Sewastopol, eines der wichtigsten Energieobjekte auf der Krim. Auf Telegram schrieb Raswoschajew: „Ein Stromausfall wird uns nicht einschüchtern. Wir haben schon Schlimmeres erlebt und werden auch das überstehen.“

Weitere Entwicklungen

Bei einem russischen Angriff im Süden der Ukraine ist am Mittwoch ein ukrainischer Mitarbeiter einer norwegischen Nichtregierungsorganisation getötet worden. Fünf weitere Menschen wurden bei dem Angriff in der Region Cherson verletzt, wie der Leiter der auf die Räumung von Minen spezialisierten Organisation Norsk Folkehjelp, Bujar Hoxha, der Nachrichtenagentur AFP mitteilte. „Sechs unserer Mitarbeiter wurden getroffen: Einer von ihnen wurde getötet, ein weiterer schwebt in Lebensgefahr und vier sind verletzt“, fügte Hoxha hinzu. Der stellvertretende Leiter der Militärverwaltung von Cherson teilte AFP mit, dass es sich bei den betroffenen Mitarbeitern um ukrainische Staatsbürger handelt. Der Angriff erfolgte in der Ortschaft Nowopetriwka rund 40 Kilometer von der Front entfernt, wie der Chef der Militärverwaltung von Cherson, Oleksandr Prokudin, sagte. Die norwegische NGO beschäftigt in der Ukraine nach eigenen Angaben mehr als 450 Mitarbeiter.

Russische Drohnenangriffe beschädigen nach Angaben von Naftogaz die Gaserzeugungs- und Speicheranlagen des staatlichen ukrainischen Energiekonzerns in der zentralen Region Poltawa erheblich. Ein Teil der Anlagen stellt den Betrieb ein, wie das Unternehmen auf dem Kurznachrichtendienst Telegram mitteilt.

Im polnischen Danzig beginnt am Donnerstag die Konferenz zum Wiederaufbau der Ukraine. Für die Bundesregierung nehmen an dem zweitägigen Treffen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) teil. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wird dem Treffen nach ukrainischen Regierungsangaben fernbleiben. Hintergrund ist ein Streit mit Polen um die Weltkriegsvergangenheit der beiden Länder.

Atomwaffen sind aus Sicht des Kremls das „einzige“ Bollwerk, das die Welt vor einem globalen Krieg bewahrt. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte am Mittwoch bei einem außenpolitischen Forum in Moskau, das globale Sicherheitssystem erodiere. „Tatsächlich haben wir auf dieser Welt nichts mehr außer der nuklearen Abschreckung. Sie ist das Einzige, was die Welt vor einem globalen Krieg schützt“, sagte Peskow. „Angesichts der technologischen Entwicklung ist bereits klar, dass neue Arten von nicht-nuklearen Waffen entstehen werden, die jedoch letztendlich in ihrer Zerstörungskraft mit Atomwaffen gleichziehen könnten“, fuhr der Kreml-Sprecher fort.

Der Kreml hat die Bereitschaft Europas zu Verhandlungen über ein Ende des Ukraine-Kriegs und die Wiederherstellung der Beziehungen infrage gestellt. „Erst einmal müssen wir sicher sein, dass vonseiten Europas der Wunsch da ist, einen Dialog zu führen“, antwortete Kremlsprecher Dmitri Peskow auf die Frage zu den Aussichten möglicher Gespräche. Es gebe zwar erste Signale, doch diese seien widersprüchlich, sagte Peskow mit Blick auf den Streit in Brüssel über eine Kontaktaufnahme von EU-Ratspräsident António Costa mit Moskau.