Der Wettlauf bis zum Winter: Ukraine und Russland im strategischen Duell
Wettlauf bis zum Winter: Ukraine und Russland im Duell

Der österreichische Oberst Markus Reisner sieht einen entscheidenden Wettlauf zwischen der Ukraine und Russland vor dem Winter. „Der Wettlauf beider Seiten bis zum Winter beginnt jetzt“, sagt der Militärexperte im Interview. Während Russland versuche, die Ukraine bis dahin in die Knie zu zwingen, setze Kiew alles daran, die asymmetrische Lage zu verändern. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj könne dabei entspannt in Gespräche mit US-Präsident Donald Trump gehen – beide hätten gemeinsame Interessen.

Russlands Raketenstrategie und ukrainische Abwehrprobleme

Laut dem Institute for the Study of War feuerte Russland zuletzt mehr ballistische Raketen auf die Ukraine ab, als es monatlich produzieren kann. Reisner warnt jedoch vor voreiligen Schlüssen: „Mit derartigen Bewertungen ist Vorsicht geboten, denn die wirkliche Produktionsrate der russischen Raketen ist bis heute ein gut gehütetes Geheimnis.“ Er erinnert an 2022, als ebenfalls ein baldiges Ende der Raketen vorhergesagt wurde. Tatsächlich seien die russischen Drohnenangriffe merklich zurückgegangen – unter anderem wegen der hohen ukrainischen Abschussrate und einer Produktionsumstellung auf die Drohnen vom Typ Geran 4 und 5. Auch der Einsatz von Marschflugkörpern sei rückläufig, was ebenfalls an der verbesserten ukrainischen Abwehr liegen könne. Gleichzeitig griffen die Russen aber andere Ziele an, etwa ukrainische Frachtschiffe mit Getreide.

Für die Ukraine bleibt die Abwehr ballistischer Raketen eine große Herausforderung, da sie unter einem Engpass bei Patriot-Raketen leide. „Diese ballistischen Raketen sind für die Ukrainer schwer abzuwehren, weil sie einen Engpass haben, vor allem bei der Versorgung mit Patriotraketen“, erklärt Reisner. Und dieser Engpass lasse sich nicht schnell überwinden: US-Präsident Donald Trump habe eine Eskalation gegenüber dem Iran verschoben, weil das Pentagon im dortigen Krieg mehr als 1200 Patriotraketen (je etwa vier Millionen Dollar) verbraucht habe, wodurch die Bestände kritisch gesunken seien. Bei einem größeren US-Angriff hätte man mit einer härteren iranischen Reaktion gerechnet, die noch mehr Raketen gekostet hätte.

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Der kommende Winter als entscheidender Faktor

Für Selenskyj sei der Mangel an Patriot-Raketen mit Blick auf den Winter die größte Herausforderung. „Der letzte Winter war schon fast unmöglich durchzustehen. Die kritische Infrastruktur, die damals zerstört und beschädigt wurde, ist noch immer kaputt“, so Reisner. Patriotraketen seien immens wichtig, um weitere Angriffe auf die Energieinfrastruktur abzuwehren. Das ukrainische Stromsystem erzeuge im Sommer derzeit 11 bis 12 Gigawatt, im Winter würden jedoch 18 bis 19 Gigawatt benötigt – eine deutliche Lücke. Russland verfüge trotz eigener Rückschläge weiterhin über Mittel und Fähigkeiten, die ukrainische Energieinfrastruktur anzugreifen, und die Raketenproduktion laufe auf Hochtouren.

Vor diesem Hintergrund müsse man auch die intensive Zunahme ukrainischer Angriffe auf das russische Hinterland verstehen, etwa auf Energie- und Logistikziele. „Die Ukrainer setzen alles daran, diese asymmetrische Lage rechtzeitig zu verändern“, betont Reisner.

Selenskyjs Mission in Washington: Ehrenvoller Friede und gemeinsame Interessen

Selenskyj reist zu Trump nach Washington und spricht offen von einem „ehrenvollen Frieden“. Reisner sieht dafür Chancen: „Selenskyj wird versuchen, Trump gänzlich auf seine Seite zu ziehen. Trump dürfte dafür offen sein, weil es seiner Sicht im Iran gerade nicht läuft und sich die Ukraine anbietet, um noch vor den US-Zwischenwahlen im November einen Erfolg an die Wähler zu verkaufen.“ Selenskyj wolle, dass die USA ihren Druck auf Russland aufrechterhalten – bisher geschehe das durch Aufklärungsdaten und Unterstützung durch US-Tech-Unternehmen, vor allem im Bereich Künstliche Intelligenz. „Die Attacken auf russische Logistikzentren, Erdöl- und Gasraffinerien zeigen, dass die Ukraine versucht, all in zu gehen.“

Was ein ehrenvoller Friede aus ukrainischer Sicht bedeute? „Ehrenvoll bedeutet aus Sicht der Ukraine, dass man nicht den Donbass hergibt, sondern dass die Front entlang der aktuellen Linie eingefroren wird. Zudem braucht die Ukraine glaubwürdige Sicherheitsgarantien verbündeter Staaten für den Fall, dass Russland erneut angreifen sollte“, so Reisner.

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Selenskyjs taktischer Schachzug: Russland als Iran-Verbündeter

Bemerkenswert seien Selenskyjs Aussagen vom Wochenende, als er öffentlich machte, dass Russland mit Satelliten US-Militärstützpunkte in der Golfregion überwache und die gewonnenen Bilder an den Iran weitergebe. Auf dieser Grundlage hätten die Iraner ihre Angriffe auf US-Basen planen können. Politisch ziele Selenskyj damit auf einen wunden Punkt in Washington: Er rücke Russland und China als Verbündete des Iran ins Zentrum – genau das, was Trump nicht akzeptieren wolle. Reisner ergänzt: „Vor dem Krieg gegen den Iran wusste man nicht, wie umfangreich die gegenseitige Hilfe ist, beziehungsweise wie weitreichend die Folgen dieser Zusammenarbeit sind. Die böse Überraschung kam nach den ersten Angriffen der USA und Israels auf den Iran, woraufhin Teheran auf eine überraschend effektive Art und Weise zurückschlug, etwa mit präzisen Drohnen-Treffern auf amerikanische Militärbasen.“

Die Folgen für die Kriegsführung

Der Krieg gegen den Iran habe sowohl Russen als auch Chinesen neue Möglichkeiten eröffnet: Sie könnten genau beobachten, wie die US-Streitkräfte diesen Krieg führten, und vor allem die Russen könnten spiegeln, was die Amerikaner seit Beginn des Ukraine-Kriegs täten. „Es war nur eine Frage der Zeit, bis Russland im Falle eines Konflikts der USA mit einem anderen Staat dasselbe macht – das sehen wir jetzt am Beispiel Iran“, so Reisner. Wenn beide Seiten über dieses Maß an Aufklärung verfügten, werde es deutlich schwerer, einen entscheidenden Sieg zu erringen. Daher sähe man immer wieder überraschende Ergebnisse – sei es der Erfolg iranischer Attacken auf US-Basen oder die Schlagkraft ukrainischer weitreichender Angriffe im russischen Hinterland.

Lage an der Front: Langsame russische Fortschritte

An der Front in der Ukraine meldet Russland Geländegewinne im Donbass und will den Verteidigungsgürtel um die Städte Slowjansk und Kramatorsk aufbrechen. Reisner sieht tatsächlich Fortschritte, aber langsame: „Russland versucht im Nord-, Mittel- und Südabschnitt der Front voranzukommen. Jüngst haben wir im Süden bei Dobropillja einen überraschenden Versuch gesehen, mit mechanisierten Verbänden vorzustoßen – dieser ist jedoch am ukrainischen Drohnenwall gescheitert.“ Im Zentrum der Front gehe es um einen zusammenhängenden Festungsgürtel, den die Russen von zwei Seiten in die Zange zu nehmen versuchten: von Kostjantyniwka aus und aus dem Raum Lyman. „Die Russen rücken vor, aber langsam. Immer wieder gelingt es der Ukraine, kleinere russische Stoß- und Sturmtrupps, die infiltrieren sollen, rechtzeitig aufzuklären und zurückzuwerfen.“ In dieser Pattsituation versuchten beide Seiten zu eskalieren – mit massiven Luft- und Raketenangriffen.

Ukrainische Antwort: Drohnenoffensive

Die Ukraine setze verstärkt auf Drohnen. Auf operativer Ebene seien dies weitreichende, teils mit KI gesteuerte Drohnen vom Typ „Hornet“, die die russischen Versorgungs- und Logistikrouten in Richtung Krim unterbrechen sollten. Das habe anfangs gut funktioniert, doch die Russen hätten sich inzwischen angepasst. „Sie sind aber noch weit davon entfernt, stabile, kriegsentscheidende Logistikstrukturen aufzubauen“, so Reisner. Auf strategischer Ebene greife die Ukraine mit weitreichenden Drohnen an – basierend auf einem Lagebild des US-Unternehmens Palantir mit dessen System Maven.