Nordkorea hat am Dienstag in der Hafenstadt Nampo den Lenkwaffenzerstörer „Choe Hyon“ in Dienst gestellt. Mit einer Wasserverdrängung von 5000 Tonnen und einer Länge von rund 145 Metern ist es das größte Kriegsschiff, das das Land je gebaut hat. Die staatliche Nachrichtenagentur KCNA gab die Indienststellung bekannt und bezeichnete das Schiff als Teil der Modernisierungsstrategie von Machthaber Kim Jong Un.
Modernisierung der veralteten Marine
Die nordkoreanische Marine stammt größtenteils aus der Zeit des Kalten Krieges und ist auf Küstengewässer beschränkt. Mit dem neuen Zerstörer der „Choe-Hyon“-Klasse sollen auch Einsätze auf hoher See möglich sein. Laut KCNA wurde das Schiff in einer Rekordzeit von nur 400 Tagen gebaut. Es ist mit Flugabwehr- und Anti-Schiffs-Waffen ausgestattet und kann ballistische Raketen sowie Marschflugkörper abfeuern.
Südkoreanische Experten vermuten, dass Russland beim Bau geholfen hat. Der Rumpf ähnelt den Fregatten der Admiral-Grigorowitsch-Klasse der russischen Marine. Auch das Luftabwehrsystem stammt laut Recherchen des „Wall Street Journals“ aus Russland.
Kim Jong Un: Marine „vollständig einsatzbereit“
Kim Jong Un erklärte bei der Zeremonie, die Marine sei nun „vollständig einsatzbereit“. „Das Programm zur Ausrüstung der Marine mit Atomwaffen verläuft zielstrebig nach Plan“, zitierte KCNA den Diktator. Die „Choe Hyon“ könnte als mobile Abschussplattform für Atomraketen dienen, sagte Militärexperte Hong Min vom Korea Institute for National Unification der Zeitung.
Allerdings verlief die Aufrüstung nicht ohne Pannen. Im Mai vergangenen Jahres kenterte das Schwesterschiff „Kang Kon“ beim Stapellauf. Kim Jong Un sprach damals von „einer Straftat, die durch absolute Nachlässigkeit, Verantwortungslosigkeit und unwissenschaftlichen Empirismus verursacht wurde“. Drei leitende Werftangestellte wurden festgenommen. Am Dienstag sagte Kim, die „Kang Kon“ sei repariert und werde bald in Dienst gestellt. Weitere Kriegsschiffe sollen folgen.
Experten zweifeln an Kampfkraft
Analysten bezweifeln, dass die „Choe Hyon“ mit modernen Zerstörern anderer Länder mithalten kann. Ihr fehlt ein fortgeschrittenes Radar zur Raketenabwehr. „Es sieht eher wie ein Angriffszerstörer aus, der bis zum Rand mit verschiedenen Raketen vollgestopft ist“, sagte Yang Moo-jin, ehemaliger Präsident der Universität für Nordkoreastudien in Seoul, der „New York Times“. „Wir müssen untersuchen, wie gut ein solches Schiff in einem modernen Krieg mit Präzisionsschlägen und Drohnenangriffen bestehen würde.“
Mögliche Auswirkungen auf die Region
Trotz dieser Zweifel könnte eine aufgerüstete nordkoreanische Marine die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel verschärfen. Die „Choe Hyon“ könnte als mobile Abschussplattform für Atomraketen dienen. Zudem könnte Kim Jong Un Lehren über den strategischen Wert der Bedrohung wichtiger Seewege ziehen, etwa mit Blick auf die Straße von Hormus. Dies hätte vor allem für Südkorea Konsequenzen, da das Land sein gesamtes Öl und Gas importiert.



