Der Ölmarkt zeigt sich trotz der anhaltenden Eskalation im Nahen Osten bemerkenswert stabil. Seit Ende Mai liegt der Preis für Rohöl der Referenzsorte Brent aus der Nordsee konstant unter 100 US-Dollar je Barrel (159 Liter). Selbst gegenseitige Angriffe der USA und des Iran sowie Berichte über eine Sperrung der strategisch wichtigen Straße von Hormus konnten keine größeren Preissprünge auslösen.
Veränderte Dynamik im Vergleich zum Kriegsbeginn
Zu Beginn des Iran-Krieges Ende Februar hatte die faktische Sperrung der Straße von Hormus den Brent-Ölpreis noch sprunghaft von etwa 75 Dollar auf rund 120 Dollar je Barrel im März getrieben. Nun zeigen sich jedoch wesentliche Veränderungen auf dem globalen Ölmarkt. Rohstoffexperten identifizieren mehrere Faktoren, die den Anstieg der Ölpreise bremsen.
Alternative Transportwege: Pipelines statt Tanker
Seit der Sperrung der Straße von Hormus für Öltanker setzen wichtige Ölstaaten am Persischen Golf wie Saudi-Arabien vermehrt auf alternative Transportrouten. Dabei wird mehr Öl über Pipelines aus den Fördergebieten zu Häfen am Roten Meer oder im Golf von Oman geleitet. „Saudi-Arabien bedient sich dabei der East-West-Pipeline zum Exporthafen Yanbu am Roten Meer“, berichtet Rohstoffexperte Carsten Fritsch von der Commerzbank. Diese Pipeline sei vor der Schließung nur zu einem Drittel ausgelastet gewesen. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate nutzen eine Pipeline zum Hafen Fujairah am Golf von Oman. Fritsch schätzt, dass derzeit etwa vier Millionen Barrel pro Tag auf diesem Weg umgeleitet werden können. Zum Vergleich: Vor dem Iran-Krieg wurden täglich etwa 20 Millionen Barrel Rohöl durch die Straße von Hormus transportiert.
Experten gehen zudem davon aus, dass trotz der Sperrung mehr Tanker die Meerenge passieren als Tracking-Daten vermuten lassen. Analyst Ferdinand Bost vom Bankhaus Metzler verweist auf Schätzungen, wonach bis zu 2,9 Millionen Barrel pro Tag den Weg durch die Straße von Hormus finden könnten.
China reduziert Ölimporte
Während die Ölpreise im März stark anstiegen, hat China als einer der größten Ölimporteure begonnen, verstärkt auf seine nationalen Ölreserven zurückzugreifen. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt hat über Jahre systematisch Reserven aufgebaut. Experten der Dekabank gehen davon aus, dass China die inländische Nachfrage derzeit aus eigenen Lagerbeständen decken kann und daher vorerst auf teure Käufe am Weltmarkt verzichtet.
USA erhöhen Ölangebot
Die ausfallenden Lieferungen aus dem Persischen Golf führten zu Engpässen, vor allem in Asien. In der Folge haben andere Ölproduzenten ihre Exporte deutlich gesteigert. Besonders die USA legten bei den Liefermengen zu: Zuletzt exportierten sie täglich etwa fünf Millionen Barrel Rohöl, eine Steigerung von fast 50 Prozent im Jahresvergleich. Das vergleichsweise teure Öl aus den USA, das größtenteils durch Fracking gewonnen wird, gewinnt dadurch an Attraktivität. „Das aktuelle Preisniveau macht die USA als globalen Öl-Exporteur wirtschaftlich wettbewerbsfähig“, heißt es in einem Kommentar der Dekabank.
Verbraucher setzen vermehrt auf Elektroautos
Der jüngste Anstieg der Ölpreise hat bei vielen Verbrauchern ein Umdenken ausgelöst. Experten erwarten, dass die Folgen des Iran-Kriegs den Boom bei Elektroautos weiter befeuern. Die Internationale Energieagentur (IEA) geht davon aus, dass der weltweit steigende Absatz von Elektroautos durch die anhaltende Blockade der Straße von Hormus zusätzlichen Schub erhalten hat. „Mit Blick auf die Zukunft dürften die gesunkenen Batteriepreise und die möglichen politischen Reaktionen auf die aktuelle globale Energiekrise den Märkten für Elektrofahrzeuge weiteren Schwung verleihen“, sagte IEA-Direktor Fatih Birol.
Freigabe strategischer Ölreserven
Bereits zu Beginn des Iran-Kriegs erlaubte die Internationale Energieagentur den Mitgliedsländern die Freigabe einer Rekordmenge an strategischen Ölreserven, um die Folgen des Konflikts abzumildern. Die USA griffen dabei in großem Stil auf ihre Reserven zurück. Rohstoffexperte Fritsch von der Commerzbank geht davon aus, dass die Rohölvorräte der USA seit Ende März um 86 Millionen Barrel gesunken sind. Ein Teil dieser Reserven wurde in andere Länder exportiert.
Während die Freigabe von Ölreserven die Wirtschaft der Industriestaaten vor größeren Schäden bewahren soll, zeigen die Folgen des Iran-Kriegs bereits negative Auswirkungen auf die Konjunktur, auch in Deutschland. In diesem Jahr wird in vielen Ländern mit deutlich geringerem Wirtschaftswachstum gerechnet. Die Folge des gebremsten Aufschwungs: Es wird tendenziell weniger Rohöl verbraucht – eine Perspektive, die den Ölpreis in den kommenden Monaten ebenfalls bremsen dürfte.



