Schock für ostdeutsches Traditionsunternehmen: Eberswalder Wurstwerk schließt Ende Februar
Die Nachricht traf die Belegschaft wie ein Schlag: Das einst größte Fleischwerk Europas, die Eberswalder Wurstwerke in Britz bei Eberswalde, wird Ende Februar endgültig seine Tore schließen. Für die 500 betroffenen Mitarbeiter bedeutet dies nicht nur den Verlust ihres Arbeitsplatzes, sondern auch eine bittere Enttäuschung angesichts der angebotenen Abfindungen, die von der Gewerkschaft als "mickrig" bezeichnet werden.
Von der größten Fleischfabrik Europas zur Schließung
Das Eberswalder Wurstwerk blickt auf eine lange Tradition zurück. Nach seiner Gründung im Jahr 1977 entwickelte sich der Betrieb mit zeitweise bis zu 3.000 Beschäftigten zur größten Fleischfabrik des Kontinents. Doch diese Ära geht nun zu Ende. Am 28. Februar soll die Produktion in Britz eingestellt werden. Künftig will die zur Tönnies-Gruppe gehörende "zur Mühlen Gruppe" an anderen ostdeutschen Standorten wie Suhl, Chemnitz oder Zerbst produzieren.
Gewerkschaft kritisiert "unterste Schublade" bei Abfindungen
Besonders empört zeigt sich Uwe Ledwig, Vorsitzender der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten im Landesbezirk Ost. Der Gewerkschafter, der den Betrieb seit Jahrzehnten kennt und sowohl die Insolvenz im Jahr 2000 als auch die Übernahme durch Tönnies im Jahr 2023 begleitete, übt scharfe Kritik an den geplanten Abfindungen.
"Das ist die unterste Schublade und eines Milliardärs unwürdig", so Ledwig gegenüber dem Focus. Den Mitarbeitern, die teilweise seit 45 Jahren im Betrieb tätig sind, werde man mit einer solchen Abfindung praktisch nach Hause geschickt.
Rechtliche Lücke ermöglicht geringe Abfindungen
Die geringen Abfindungen werden möglich, weil die "zur Mühlen Gruppe" die Übernahme des Betriebes als Neugründung wertet, obwohl das Wurstwerk seit Jahrzehnten existiert. Dadurch greift §112a des Betriebsverfassungsgesetzes, der Unternehmen in den ersten vier Jahren nach ihrer Gründung von verpflichtenden Sozialplänen befreit.
Geplant ist, den Mitarbeitern lediglich ein Viertel ihres Bruttomonatsgehalts pro Beschäftigungsjahr auszuzahlen. In den meisten Fällen beläuft sich dies auf etwa 15.000 Euro Brutto. "Damit wird die Abfindung für langjährig Beschäftigte und ein Drittel der ehemaligen Werkvertragsarbeiter de facto halbiert", erklärt Ledwig.
Unternehmen weist Vorwürfe zurück
Markus Eicher, Sprecher der EWN Wurstspezialitäten GmbH & Co. KG, weist die Vorwürfe der Gewerkschaft entschieden zurück. "Es ist falsch, dass man in Britz nicht langfristig plante", betont er. Das Unternehmen habe Investitionen im höheren einstelligen Millionenbereich getätigt, neue Geräte angeschafft und sogar die Belegschaft erhöht.
Des Weiteren betont der Sprecher, dass Clemens Tönnies nicht plane, "ostdeutsche Unternehmen plattzumachen". Im Gegenteil investiere der Fleischgigant kräftig in diese Firmen.
Ledwig vermutet strategisches Kalkül
Der Gewerkschaftsvorsitzende Ledwig vermutet hingegen ein strategisches Kalkül hinter der Übernahme. Seiner Ansicht nach ging es Tönnies nie wirklich um den Betrieb selbst, sondern primär um die wertvolle Traditionsmarke "Eberswalder" mit ihrem Gewicht und ihrer Qualität im Osten Deutschlands.
Er wirft dem Fleischkonzern vor, mit den Hoffnungen der Mitarbeiter gespielt zu haben, die durch die vorangegangene Insolvenz bereits gebeutelt waren. Immerhin hatte Tönnies bei der Übernahme im Jahr 2023 die dringend benötigten Investitionen in das Fleischwerk versprochen.
Tönnies steht auch an anderer Stelle in der Kritik
Die aktuelle Kontroverse um das Eberswalder Wurstwerk ist nicht der einzige Kritikpunkt, mit dem sich Clemens Tönnies derzeit konfrontiert sieht. Erst am vergangenen Samstag protestierten Fans des FC Schalke 04 beim Spiel gegen Dynamo Dresden gegen eine mögliche Aufnahme des Fleischgiganten ins Ehrenpräsidium des Vereins.
In der Ultra-Kurve der Gelsenkirchener waren zahlreiche Plakate mit deutlichen Botschaften zu sehen, die auf die umstrittene Vergangenheit Tönnies' als langjähriger Aufsichtsratsvorsitzender von Schalke 04 anspielten. Der Unternehmer musste im Sommer 2020 nach 26 Jahren seinen Posten räumen - unter anderem wegen Vorwürfen des Rassismus, Fehlentscheidungen und massiver Probleme in seinem Fleischkonzern während der Corona-Pandemie.
Für die 500 Mitarbeiter des Eberswalder Wurstwerks bleibt indes die bittere Realität: Ende Februar verlieren sie nicht nur ihre Arbeitsplätze, sondern erhalten für ihre jahrelange Treue zum Unternehmen nur eine vergleichsweise geringe Abfindung. Ein Schicksal, das die Gewerkschaft als unwürdig für einen Milliardärsunternehmer bezeichnet.



