Finanzielle Hürden: Warum sich mehr Arbeit für Frauen ab 45 oft nicht lohnt
Eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung offenbart ernüchternde Fakten zur Situation von Frauen am Arbeitsmarkt. Für viele Frauen im Alter ab 45 Jahren lohnt es sich finanziell kaum, nach einer Erwerbspause in den Beruf zurückzukehren oder ihre Teilzeitbeschäftigung auszuweiten. Die repräsentative Erhebung unter 3.788 Frauen zwischen 45 und 66 Jahren zeigt strukturelle Probleme auf, die dringend angegangen werden müssen.
Die zentrale Rolle des Ehegattensplittings
Das Ehegattensplitting erweist sich laut der Untersuchung als wesentlicher Bremsklotz für die berufliche Entwicklung vieler Frauen. Bei diesem Steuermodell wird das Einkommen beider Ehepartner gemeinsam versteuert, was besonders vorteilhaft ist, wenn ein Partner deutlich weniger verdient – was in der Regel die Frau betrifft. Erweitert jedoch die Frau ihre Arbeitszeit, schrumpft der Splittingvorteil erheblich, sodass von ihrem Mehrverdienst netto nur wenig übrig bleibt.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Unter den befragten Teilzeitbeschäftigten gab etwa die Hälfte an, dass sich eine Ausweitung ihrer Arbeitszeit finanziell nicht lohnen würde. Bei den nichterwerbstätigen Frauen war es rund ein Drittel, die angaben, dass Erwerbstätigkeit sich für sie nicht auszahlen würde. Diese Ergebnisse unterstreichen die Dringlichkeit besserer finanzieller Anreize.
Potenzial für den Arbeitsmarkt
Die Studie macht deutlich, dass eine Reform des Ehegattensplittings erhebliche positive Effekte auf den Arbeitsmarkt haben könnte. Allein in der Altersgruppe der 45- bis 66-Jährigen könnten nach Berechnungen der Forscher rund 175.000 zusätzliche Vollzeitstellen besetzt werden. „Zudem ginge der Anteil schlecht abgesicherter Minijobs zugunsten sozialversicherungspflichtiger Voll- oder Teilzeitbeschäftigung zurück“, betonen die Autoren der Studie.
Arbeitsmarktexpertin Michaela Hermann von der Bertelsmann Stiftung erklärt: „Mehr Netto vom Brutto, eine gleichmäßige Aufteilung der Sorgearbeit und gute Arbeitsbedingungen sind die entscheidenden Treiber in Richtung Vollzeiterwerbstätigkeit.“ Diese Faktoren müssten gezielt gestärkt werden, um Frauen nach Familienphasen besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren.
Langfristige Entwicklungen und aktuelle Herausforderungen
Zwar ist die Erwerbsbeteiligung von Frauen in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen und liegt mittlerweile bei gut 75 Prozent. Allerdings bleibt der Anteil der Teilzeitbeschäftigten unter Frauen nach wie vor sehr hoch. Viele Frauen reduzieren ihre Arbeitszeit während der Kinderphase, um die Sorgearbeit zu übernehmen, und verharren danach häufig in Teilzeitbeschäftigungen, oft im Minijob-Segment.
Die im vergangenen Sommer durchgeführte Befragung umfasste 3.877 Frauen zwischen 45 und 66 Jahren, darunter 1.567 nicht erwerbstätige Personen. Von den 2.221 erwerbstätigen Frauen arbeiteten 792 Befragte in Teilzeit mit weniger als 30 Stunden pro Woche. Diese Zahlen verdeutlichen das Ausmaß der Teilzeitbeschäftigung in dieser Altersgruppe.
Die Studie zeigt eindrücklich, dass strukturelle Reformen notwendig sind, um Frauen ab 45 Jahren bessere Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt zu bieten. Neben finanziellen Anreizen spielen dabei auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen und die Verteilung von Sorgearbeit eine zentrale Rolle für die berufliche Entwicklung von Frauen in der zweiten Lebenshälfte.



