Fachkräftemangel erreicht niedrigsten Stand seit fünf Jahren
In Deutschland klagen aktuell so wenige Unternehmen über einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften wie seit fünf Jahren nicht mehr. Das Münchner Ifo-Institut hat in seiner vierteljährlichen Auswertung ermittelt, dass im Januar 2026 nur noch 22,7 Prozent der Betriebe über Fachkräftemangel berichteten. Im Oktober des Vorjahres lag dieser Wert noch bei 25,8 Prozent und zeigt damit einen deutlichen Rückgang innerhalb weniger Monate.
Konjunkturelle Schwäche und technologischer Wandel als Gründe
„Eine entscheidende Rolle spielt weiterhin die schwache konjunkturelle Entwicklung in Deutschland“, erklärt Klaus Wohlrabe, Umfragechef des Ifo-Instituts. Gleichzeitig verändere der technologische Wandel, insbesondere der Einsatz künstlicher Intelligenz, zunehmend die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt. Diese Entwicklung führt dazu, dass die Nachfrage nach bestimmten Qualifikationen sich kontinuierlich verschiebt und anpasst.
Das Ifo-Institut warnt jedoch ausdrücklich vor Selbstzufriedenheit angesichts dieser Zahlen. Der aktuelle Rückgang dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass strukturelle Herausforderungen weiterhin bestehen bleiben. „Die Alterung der Bevölkerung trifft auf einen tiefgreifenden technologischen Wandel – diese Kombination wird die Nachfrage nach spezifischen Qualifikationen weiter verändern“, betont Wohlrabe.
Branchenspezifische Entwicklungen zeigen unterschiedliche Trends
Besonders deutlich hat sich die Situation im Bereich Transport und Logistik entspannt. Hier sank der Anteil der betroffenen Unternehmen von 42,7 Prozent auf 30,6 Prozent. Dennoch klagt weiterhin rund jeder vierte Dienstleister über fehlendes qualifiziertes Personal. Besonders betroffen bleiben:
- Rechts- und Steuerberater mit 58,4 Prozent
- Leiharbeitsfirmen mit 56,6 Prozent
In der Industrie berichten 16,6 Prozent der Betriebe von Fachkräftemangel – ein halber Prozentpunkt weniger als im Oktober. Spezifisch betrachtet liegen die Werte im Automobilsektor und bei Herstellern elektrischer Ausrüstungen knapp unter zehn Prozent, während der Maschinenbau mit rund 19 Prozent etwas stärker betroffen ist.
Auch im Handel hat sich die Lage merklich entspannt. Etwa 18 Prozent der Unternehmen berichten aktuell von Schwierigkeiten, offene Stellen mit qualifizierten Arbeitskräften zu besetzen.
Experten warnen vor langfristigen Wachstumsproblemen
Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), hatte bereits davor gewarnt, dass Deutschlands Wachstumsmotor möglicherweise nie mehr richtig anspringen werde. Es fehlten schlicht die notwendigen Arbeitskräfte, um die Wachstumsraten der Vergangenheit wieder zu erreichen. Diese Einschätzung unterstreicht ein strukturelles Problem, das über die aktuelle konjunkturelle Schwäche hinausreicht.
Während Politik und Bevölkerung weiterhin auf eine baldige Phase kräftigen Wirtschaftswachstums hoffen, fehlen dafür inzwischen viele grundlegende Voraussetzungen. Internationale Organisationen schätzen Deutschlands langfristige Wachstumsaussichten als äußerst gering ein – eine Entwicklung, die durch den demografischen Wandel und die sich verändernden Qualifikationsanforderungen noch verstärkt wird.
Die aktuelle Entspannung am Arbeitsmarkt sollte daher nicht als Entwarnung verstanden werden, sondern als Hinweis auf tiefgreifende strukturelle Veränderungen, die langfristige Strategien und Anpassungen erfordern.



