Ikea schließt Rostocker Callcenter: 280 Mitarbeiter stehen vor dem Aus
Der schwedische Möbelriese Ikea schließt sein Customer Support Center in Rostock und lässt damit Hunderte Mitarbeiter ratlos zurück. Insgesamt 279 Beschäftigte des Standortes stehen vor dem Verlust ihrer Arbeitsplätze, die voraussichtlich ab Herbst wirksam werden. Der Betriebsrat und die Geschäftsführung von Ikea verhandeln derzeit über einen Sozialplan und Interessenausgleich.
„Schwarzer Tag in meiner Berufskarriere“
Daniel Mucha, Mitglied im Betriebsrat des Ikea-Callcenters, beschreibt den 25. Februar als einen Tag, der den Mitarbeitern lange in schlechter Erinnerung bleiben wird. „Ich habe am Tag der Verkündung noch nie so viele Kollegen weinen gesehen, das war ein schwarzer Tag in meiner Berufskarriere, wie ich ihn gern nie erlebt hätte“, sagt Mucha. Auch ihm seien an diesem Tag die Tränen gekommen. Seit zwei Wochen laufen die Verhandlungen zwischen Betriebsrat und Ikea-Geschäftsführung.
Verhandlungen zum Sozialplan laufen
Bisher habe es zwei Verhandlungstermine gegeben, erklärt Mucha. „Ziel der Verhandlungen für beide Parteien ist ein Abschluss eines Sozialplans und Interessenausgleichs, in dem man die gute Arbeit am Standort in 20 Jahren des Bestehens würdigen möchte.“ Der Betriebsrat habe mit dem Arbeitgeber Stillschweigen zum Verhandlungsstand vereinbart. Über neue Entwicklungen würden die Beschäftigten in einer gemeinsamen E-Mail informiert. Die Kündigungen sollen planmäßig, mit dem Ende der Verhandlungen, ausgesprochen werden. Ab dann laufen die jeweiligen Kündigungsfristen.
Mitarbeiter sind enttäuscht von Ikea
16 Jahre lang hat Daniel Mucha im Ikea Customer Support Center gearbeitet. Er und viele der Kollegen seien „Ikeaner“ mit Leib und Seele gewesen. „Wir hatten den festen Glauben daran, in einem zukunftssicheren Unternehmen zu arbeiten, das, basierend auf den eigenen Werten, vielen Menschen einen besseren Alltag verschaffen möchte.“ Doch jetzt muss er sich mit 50 wieder auf Arbeitssuche begeben, das sei nicht sein Plan gewesen. Die Schließung habe ihm und den Kollegen den Boden unter den Füßen weggezogen, sagt er. Wie er ab Oktober seine Miete zahlen soll, weiß er nicht.
Doch unter die Traurigkeit mischt sich auch Wut. Zum Beispiel darüber, dass der Betriebsrat nicht beteiligt wurde. „So eine Entscheidung wird nicht über Nacht getroffen, das hat uns das Management auch bestätigt.“ Dabei schreibe das Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) vor, dass Betriebsräte zu beteiligen sind, ein Informationsrecht haben, um Dinge zu gestalten - auch negative Dinge, sagt Mucha. „Die Art und Weise dieser Maßnahme sind Ikea unwürdig und nicht akzeptabel.“ Immerhin stelle Ikea sich „als sehr herzlich und menschenfreundlich“ dar.
Viele fühlen sich hintergangen
Viele der Kollegen würden sich „überrumpelt, angelogen und hintergangen“ fühlen. Denn immer wieder sei ihnen in Meetings gesagt worden, was sie für eine gute Arbeit leisten. Selbst am Tag der Mitteilung wurde ihnen für ihre „sehr gute Arbeit“ gedankt. „Danke für nichts, war ein Kommentar eines Kollegen, der daraufhin wütend den Raum verließ“, erinnert sich Mucha an den Tag. Erst kürzlich diskutierte er als deutscher Delegierter für den europäischen Betriebsrat von Ikea bei einer dreitägigen Veranstaltung in Malmö mit dem globalen Management aktuelle Entwicklungen. Bei dieser wurde die Schließung in Rostock „als nationale Entscheidung begründet“ und nicht groß thematisiert. „Die Betroffenheit unter den europäischen Kollegen ist aber auch da grenzenlos“, sagt Mucha.
Verdi fordert faire Angebote für Ikea-Beschäftigte
In einer Stadt wie Rostock seien 279 Arbeitslose aus dem Einzelhandel mehr auf dem Arbeitsmarkt ein gesellschaftliches Problem, sagt er. Zudem verlieren mit der Schließung des Standortes, der noch im vergangenen Jahr durch die Hansestadt einen Inklusionspreis verliehen bekam, auch 30 Menschen mit Behinderung ihren Job, betont Daniel Mucha, der selbst im Rollstuhl sitzt.
Anzeichen dafür, dass Ikea ihm und seinen Kollegen bei der Jobsuche helfe oder sie in einen anderen Bereich übernehmen will, gäbe es keine. Das gilt auch für die vier Auszubildenden im ersten Lehrjahr und einen im zweiten.
„Das Unternehmen ist aus unserer Sicht in der Pflicht, den Kollegen, die voraussichtlich im Sommer gekündigt werden, faire Angebote zu unterbreiten – die wirtschaftlichen Konsequenzen der Betriebsschließung sollen nicht die Beschäftigten, sondern das Unternehmen tragen“, sagt Marcus Dejosez, Gewerkschaftssekretär der Gewerkschaft Verdi aus dem Fachbereich Handel Nord. Insbesondere innerhalb der Sozialplanverhandlung erwarte Verdi, dass Ikea im Interesse seiner Mitarbeiter handele, so Dejosez.



