„Ich musste funktionieren und überleben“: Wie der Job Birgit in den Burnout trieb
Vom Gute-Laune-Bär auf der Arbeit zum Unglücksraben: Lange ignorierte diese Schwerinerin die Warnsignale ihres Körpers, die auf ein Burnout hindeuteten. Druck auf der Arbeit, eine fiese Chefin – Birgit erzählt, wie der Job sie kaputt machte. Für eine Selbsthilfegruppe sucht sie nun Mitstreiter aus Schwerin und dem Umland.
Anstrengender Job im großen Einkaufscenter
Birgit arbeitete viele Jahre im Schweriner Schlossparkcenter bei einer Dienstleister-Kette. Dort kümmerte sie sich um einen Kunden nach dem anderen. Im Laden herrschte fast durchgehend Trubel und Hektik. In der Mittagspause gab es keine Rückzugsmöglichkeit für die Mitarbeiter, keinen Extra-Raum zum Abschalten. Es dauerte lange, bis Birgit sich eingestand, dass etwas nicht mit ihr stimmte. „Freunde rieten mir: Such dir einen anderen Job. Aber ich war wie im Tunnel“, erzählt die Schwerinerin. „Ich wusste nicht, was die wollten. Ich hatte Angst, meine Arbeit zu verlieren. Das war auch eine existenzielle Geschichte. Das Gehalt von meinem Mann reichte nicht, um die Familie zu ernähren. Ich musste funktionieren und überleben. Heute denke ich: Man, für was für wenig Geld hast du da geknüppelt?“
Der Stress wirkte sich auch auf die Familie aus
Birgit wird älter, gründet eine Familie und bekommt Kinder. Sie muss ihre Energie nun aufteilen, was ihr schwerfällt. Stundenlang auf Arbeit diese Geräusche und Kunden um sie herum, und der ständige Druck von oben aus der Chefetage, dies und das am Tag zu schaffen. Sie frisst den Stress in sich hinein und lässt sich nichts anmerken. „Morgens hab’ ich mich dick geschminkt und das war dann für mich wie einen Schalter umlegen“, erinnert sich die Schwerinerin. „Auf die Kollegen wirkte ich wie der Fels in der Brandung, das haben sie mir später gesagt. Das machte es umso schwieriger, mir einzugestehen, dass ich nicht mehr funktionierte.“ Birgit bringt den Stress mit nach Hause und lässt ihn immer häufiger an der Familie ab. „Ich war müde und gereizt und hatte nicht mehr die Geduld mit meinem Partner und den Kindern“, sagt sie und kämpft noch immer mit Schuldgefühlen.
Neue Chefin macht den Job noch unerträglicher
Als dann noch eine gute Freundin stirbt, steht Birgit vor dem emotionalen Zusammenbruch. Sie geht zu ihrer Hausärztin, die hartnäckig bleibt: „So geht’s nicht weiter, hat sie zu mir gesagt. Sie befinden sich in einer Burnout-Phase mit depressiven Symptomen.“ Birgit wird zur Schweriner Carl-Friedrich-Flemming-Klinik überwiesen, die einen stationären Aufenthalt für sechs Wochen empfiehlt – sie bleibt acht Wochen. Es geht bergauf, die Gruppentherapie hilft. Doch zurück im Job verschweigt sie der neuen Teamleiterin den Klinikaufenthalt. Bald ist wieder diese Unzufriedenheit da, und die neue Chefin macht es schlimmer. „Die hat uns Mitarbeiter runtergemacht im Beisein der Kunden“, so Birgit. „Hat ihren Frust abgelassen, wenn der Laden nicht aufgeräumt war oder wir nicht unser Pensum geschafft haben.“ Besonders wurmt sie, wie die Chefin Auszubildende behandelt: „Die hat sie besonders unter Druck gesetzt und wegen Nichtigkeiten zur Sau gemacht.“ Mehrere Kollegen kündigen, und Birgit ist wieder am Ende.
Selbsthilfegruppe als Rettungsanker
Birgit zieht die Reißleine, geht in Therapie und sucht sich eine Selbsthilfegruppe für Burnout-Betroffene in Schwerin. „Da sind alle möglichen Leute drin, von der Hausfrau bis zu Büroangestellten und Teamleitern. Du kannst erzählen, was du möchtest, von Gott und der Welt, alles bleibt im Raum. Es wird nicht nur gejammert, sondern auch gelacht“, berichtet sie. Die Gruppe gibt Tipps, wie man an grauen Wintertagen fröhlich bleiben kann oder mit Stress umgeht. Birgit sucht neue Mitstreiter und lädt Interessierte ein, vorbeizuschauen.
Birgit hat wieder Spaß im neuen Job
Heute geht es ihr besser. Birgit ist froh, dass ihre Beziehung nicht zerbrochen ist, und ihr Mann blieb an ihrer Seite. Mit den alten Kollegen ist sie noch befreundet, auch wenn der Gang ins Center den Herzschlag hochgehen lässt. Das Schönste: Sie hat einen neuen Job gefunden, zumindest für ein paar Stunden die Woche. „Beim Vorstellungsgespräch hatte ich eine Heidenangst nach den Erfahrungen mit Chefs. Jetzt läuft es super. Ich bekomme Lob und Wertschätzung und kann in meinem Tempo arbeiten“, erzählt sie. „Wer hätte das gedacht. Ich habe gelernt, dass Arbeit wieder Spaß machen kann.“
Termine: Die Selbsthilfegruppe „Burnout - und das Leben danach“ trifft sich jeden 1. und 3. Mittwoch im Monat, 17 Uhr, Kiss (Nordufer Pfaffenteich), Spieltordamm 9, 19055 Schwerin. Die Selbsthilfegruppe „mit.gefühl“ in Wismar ist für junge Menschen zwischen 20 und 40 Jahren, die sich über mentale Belastungen austauschen möchten, monatlich von 17 bis 19 Uhr.



