Work-Life-Balance-Wahn: Wann wird die eigene Arbeit zur Belastung?
Früher durchblätterten junge Menschen dicke Berufswahlbücher vor dem Schulabschluss, prall gefüllt mit Ausbildungsmöglichkeiten, Studiengängen und Millionen von Karrierewegen. Man prüfte alles akribisch, diskutierte intensiv mit Familie, Freunden und Mitschülern und hörte tief in sich hinein. Schließlich verbringt man mindestens acht Stunden täglich mit Arbeit, über viele Jahrzehnte hinweg. Und diese Jahre sollten unterm Strich nicht nur Broterwerb sein, sondern Spaß machen und das Herz erfreuen.
Berufung versus reiner Broterwerb
Deshalb zählte nicht allein das Gehalt, sondern die Berufung: Was kann ich wirklich gut? Was liegt mir persönlich? Was macht mir nachhaltige Freude? Wenn man nach der Schule richtig gewählt hatte, war es auch in Ordnung, wenn mal der Feierabend länger auf sich warten ließ oder zusätzliche Stunden notwendig wurden.
Heute dagegen hallt der Ruf nach Work-Life-Balance lauter als ein Sirenengeheul. Arbeit wird oft nicht mehr als Berufung, sondern als tägliche Folter verstanden, der Lohn lediglich als Schmerzensgeld für die erlittene Mühe. Ist diese Entwicklung traurig? Ja, zweifellos. Ist das auch bitter für unsere Arbeitskultur? Absolut und bedenklich.
Geldgier statt Leidenschaft?
Es wirkt, als hätte in vielen Bereichen reine Geldgier den Takt vorgegeben und nicht mehr echte Leidenschaft, als stünde der Kontostand höher im Kurs als der Stolz auf das, was man täglich tut. Als ginge es nur noch darum, möglichst wenig persönliche Energie zu geben und möglichst viel finanziell herauszuholen.
Dabei sollte es doch im Kern darum gehen, im Leben einen sinnvollen Platz zu finden, an dem man nicht nur sich selbst bereichert, sondern bestenfalls auch eine echte Bereicherung für andere Menschen und die Gesellschaft ist. Vielleicht wäre genau diese Haltung die ehrlichere und nachhaltigere Balance zwischen Beruf und Privatleben.
Die eigene Arbeit sollte wenigstens zu einem Teil Berufung sein – ein Ansatz, der in der heutigen Diskussion um Work-Life-Balance oft unterzugehen droht. Wenn die Leidenschaft für den Beruf schwindet und nur noch die reine Pflichtübung bleibt, wird Arbeit schnell zur psychischen Belastung.



