„Warum hast du dir bloß dieses Schrottauto gekauft?“, fragt die Ehefrau von Harald Vogel (Name von der Redaktion geändert). „Du bist doch selbst schuld an der Situation“, fügt sie hinzu. Das „Schrottauto“ ist ein Aiways U5, ein Elektroauto aus China. Harald Vogel selbst ist mit dem Fahrzeug eigentlich zufrieden, doch die Zukunft bereitet ihm große Sorgen. Er spricht von einer „riesengroßen Unsicherheit“, dass bald ein größerer Defekt auftreten könnte und er dann keine Hilfe mehr bekommt.
Facebook-Gruppe voller Horrorgeschichten
Die Gruppe „Aiways Technical Support“ auf Facebook zählt rund 2700 Mitglieder aus ganz Europa. Viele von ihnen besitzen einen Aiways und teilen dort ihre Erfahrungen. Oft sind es wahre Horrorgeschichten, die Vogel nervös machen. So berichtet ein Fahrer, dessen Auto vor vier Monaten vor der Garage einfach ausgegangen sei und seitdem nicht mehr anspringe. Hilfe vom Hersteller oder Händler gebe es nicht. Andere klagen über beunruhigende Warnmeldungen im Display, fehlende Software-Updates, mangelnden Service und einen eklatanten Mangel an Ersatzteilen.
Keine Information von Aiways
Das Kernproblem: Aiways scheint abgetaucht zu sein. „Man erreicht niemanden mehr“, sagt Vogel. Ein Leser aus Rheinland-Pfalz schrieb drei verschiedene E-Mail-Adressen an – ohne Antwort. Telefonisch ist niemand erreichbar. Zwei Einschreiben per Post wurden zwar angenommen, aber nicht beantwortet. Ein Aiways-Besitzer fuhr sogar zur Europa-Zentrale nach München, fand dort aber nur einen Briefkasten mit der Aufschrift „Aiways automobile GmbH“ und „Euro EV“ – von Ansprechpartnern keine Spur.
Produktion eingestellt
Der Vertrieb von Aiways ist eingestellt. „Aktuell produziert der Hersteller von Aiways Fahrzeugen (Aiways China – AC) keine Fahrzeuge, daher ist auch kein Vertrieb möglich“, teilt das „Aiways Automobile Europe Media-Team“ mit. Die Aiways Automobile Europe GmbH (AE) in München stehe zu ihren Gewährleistungsversprechen und bemühe sich, Kunden bei Garantieansprüchen zu unterstützen. Die Formulierung „bemüht sich“ dürfte die Sorgen der Kunden nicht lindern.
Bereits im Sommer 2023 wurden finanzielle Probleme bekannt. Chinesische Quellen berichteten von unterbrochenen Gehaltszahlungen und Produktionsstopps, weil Zulieferer nicht bezahlt wurden. Im Mai 2024 zog sich Aiways vom chinesischen Markt zurück und wollte nur noch in Europa verkaufen. Inzwischen werden gar keine Aiways mehr produziert.
Was können Aiways-Besitzer tun?
Kursierende Insolvenzgerüchte dementiert die Aiways Automobile Europe GmbH. Geschäftsführer David Zhao plane einen Börsengang an der New Yorker Börse, um das Unternehmen zu konsolidieren. Ein genauer Zeitplan fehlt, und zu Unternehmenszahlen wird keine Auskunft gegeben.
Auto-Teile-Unger (ATU), bis zum 31. Oktober 2025 für die Wartung zuständig, ist aus der Service-Kooperation ausgestiegen. „Wir sind weder Hersteller noch Verkäufer oder Handelsvertreter von Aiways“, sagt ATU-Pressesprecher Markus Meißner. Auf die Frage nach Ersatzteilen antwortet er: „Ja.“ ATU führt keine Garantiearbeiten mehr durch, da keine Ersatzteile und keine Software-Updates verfügbar sind. Standard-Dienstleistungen ohne Diagnosegerät sind noch möglich, aber genau daran hapert es.
Die Aiways-Pressestelle bestätigt, dass ATU die Zusammenarbeit bei Garantiefällen aufgekündigt hat. ATU könne aber weiterhin Diagnosen und Reparaturen durchführen, wenn der Kunde zunächst selbst zahlt – in der Hoffnung auf Rückerstattung durch Aiways. Es befänden sich noch einige Ersatzteile in ATU-Filialen. Alternativ könne man jede Werkstatt aufsuchen, die über die Diagnose-Software von Aiways China verfüge.
Doch die Realität sieht anders aus: „Man kommt so gut wie gar nicht mehr an Ersatzteile“, berichtet Vogel. Selbst auf E-Autos spezialisierte Werkstätten könnten an seinem U5 „nichts auslesen“. Der Rentner beobachtet den Gebrauchtmarkt: Gebrauchte Stoßdämpfer werden für fast 300 Euro gehandelt, LED-Scheinwerfer für über 1800 Euro. Manche kaufen gebrauchte Aiways billig auf, um die Akkus als Stromspeicher zu nutzen und andere Teile zu horrenden Preisen zu verkaufen.
„Bin immer noch in das Auto verliebt“
Trotz allem betont Vogel, dass das Auto keinesfalls schlecht sei. „Ich bin immer noch in das Auto verliebt“, sagt er. Er fährt es gerne, wenn auch mit mulmigem Gefühl. Der ADAC gab dem U5 vor vier Jahren die Note 2,5 und verglich ihn mit dem Mercedes-Benz EQC, der fast doppelt so teuer ist. Die Verarbeitungsqualität sei „gut“. Nein, ein Schrottauto sei der Chinese nicht, aber eines, das Sorgen bereitet. Von Aiways ist Vogel enttäuscht: „Für mich ist es eine absolute Frechheit, wie sie ihre Kunden jetzt einfach im Stich lassen.“
Es bleibt abzuwarten, wie es weitergeht. Vereinzelt fällt das Wort „Sammelklage“. Andere befürchten das Schlimmste: dass die Fahrzeuge irgendwann von China aus „abgeschaltet“ werden könnten.



