Der Betriebsratsvorsitzende des weltweit größten Autozulieferers Bosch, Frank Sell, hat angesichts der prekären Lage der deutschen Autoindustrie einen runden Tisch gefordert. „Wir können nicht so weitermachen wie bisher“, sagte Sell dem SPIEGEL. Nötig sei eine Taskforce mit Vertretern der Arbeitgeber aus der Automobil- und Zulieferindustrie, der Arbeitnehmer, der Gewerkschaft und der Politik. Diese solle erst auseinandergehen, wenn sie Lösungen erarbeitet habe, die die Zukunft der Branche in Deutschland sichern. Jeder müsse dazu beitragen, eingefahrene Verhandlungsmuster zu verlassen.
Proteste bei Mercedes und Volkswagen
Am vergangenen Freitag erreichte der Konflikt zwischen der IG Metall und den Arbeitgebern einen neuen Höhepunkt. Tausende Beschäftigte von Mercedes-Benz protestierten vor der Zentrale in Stuttgart-Untertürkheim gegen eine unbezahlte Erhöhung der Arbeitszeit auf 40 Stunden, Einschnitte bei tariflichen Leistungen und den Kürzungskurs des Konzerns. Mercedes-Chef Ola Källenius und Personalvorständin Britta Seeger hatten zuvor gefordert, dass die Belegschaft in allen Bereichen für das gleiche Geld mehr arbeiten müsse. Die IG Metall kündigte einen „heißen Sommer und Herbst“ an.
An den Kundgebungen an mehreren Standorten nahmen nach Angaben der IG Metall mehr als 33.000 Beschäftigte teil; Mercedes zählte rund 16.000 Teilnehmer. Die Gewerkschaft kündigte ähnliche Proteste bei anderen Herstellern und Zulieferern an, etwa bei Volkswagen, wo Vorstandschef Oliver Blume dem Aufsichtsrat einen radikalen Spar- und Umbauplan präsentieren will.
IG-Metall-Chefin fordert Investitionen
IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner, die auch im VW-Aufsichtsrat sitzt, sagte bei einer Kundgebung in Düsseldorf, der Schlüssel für eine starke Autoindustrie liege in Investitionen in zukunftsfeste Produkte, Standorte und Beschäftigte. „Auch von der Politik fordern wir ein klares Signal: Der industrielle Kern dieses Landes darf nicht ausgehöhlt werden. Wir brauchen eine aktive Industriepolitik, die die Transformation absichert.“
Die Krise der deutschen Hersteller und Zulieferer hat sich in den vergangenen Wochen weiter zugespitzt. Bosch-Chef Hartung hatte zum 1. Juli überraschend die Führung an seinen Stellvertreter Christian Fischer übergeben. Der Konzern verzeichnete im vergangenen Jahr den ersten Verlust seit der Weltfinanzkrise 2008/09. Mit 55,8 Milliarden Euro Umsatz macht die Mobility-Sparte fast zwei Drittel des Bosch-Umsatzes aus und ist der größte Autozulieferer weltweit.
Angriff auf die 35-Stunden-Woche
Kurz zuvor hatte BMW eine Gewinnwarnung abgegeben und Sparmaßnahmen angekündigt, darunter den Abbau von 4000 bis 5000 Stellen in den nächsten beiden Jahren. Die Verhandlungen zwischen BMW-Chef Milan Nedeljković und dem Betriebsrat haben begonnen. Bei BMW gilt eine Beschäftigungssicherung; der Stellenabbau soll über freiwillige Lösungen wie Abfindungen und Vorruhestand erfolgen. Auch Insourcing wird diskutiert, um Arbeitsplätze zu sichern.
Die Fronten zwischen der IG Metall und den Arbeitgebern verhärten sich. Bayerns IG-Metall-Bezirksvorstand Horst Ott sagte: „Wer die 35-Stunden-Woche angreift, legt sich mit der gesamten IG Metall an.“ Sachlich sei schwer nachvollziehbar, warum die Arbeitszeit erhöht werden solle, wenn nicht genug Arbeit da sei. Die bayerische IG Metall solidarisiere sich mit den Protesten der Mercedes-Beschäftigten und warne vor Angriffen auf Tarifstandards.
BMW-Betriebsratschef Martin Kimmich sagte dem SPIEGEL, wem nichts anderes einfalle, „als nach der 40-Stunden-Woche zu schreien, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt“. Auch Audi-Gesamtbetriebsratsvorsitzender Jörg Schlagbauer griff die Mercedes-Führung scharf an: „Die unverblümten Angriffe gegen die Tarifverträge bei Mercedes sollen uns alle treffen.“ Er und die IG Metall-Vertrauenskörpervorsitzende Karola Frank sprachen von einem „abgekarteten Foulspiel der Arbeitgeber“.



