Nicole Anyomi hat sich einen Traum erfüllt: Die 31-malige deutsche Nationalstürmerin wechselt von Eintracht Frankfurt zu den London City Lionesses in die englische Women's Super League (WSL). Doch der Klub ist kein gewöhnlicher Aufsteiger. Unter der umstrittenen US-Investorin Michele Kang entsteht ein Starensemble, das die Liga aufmischt. Mit der zweifachen Weltfußballerin Alexia Putellas, Mari León, Kadidiatou Diani und Mary Earps kommen Stars en masse – obwohl die Lionesses erst vor einem Jahr aufgestiegen sind und in der ersten Saison nur Rang sechs belegten.
Anyomi wechselt in ein ambitioniertes Starensemble
Der Wechsel nach London bedeutet für Anyomi einen Karrieresprung in eine extrem ambitionierte Umgebung. Die Lionesses gehören seit Dezember 2023 der US-Geschäftsfrau Michele Kang, die bereits den Washington Spirit und seit 2024 den achtmaligen Champions-League-Sieger Olympique Lyon besitzt. Mit ihrer Kynisca Sports Group hat Kang das größte Multi-Club-Ownership im Frauenfußball aufgebaut. „Für den Frauenfußball ist Multi-Club-Ownership fast schon unerlässlich“, verteidigte Kang ihre Strategie in der BBC. Kritiker warnen vor unfairen Vorteilen wie internen Transferkosten und geteilten Ausgaben.
Investorin Kang: Vom Fußball-Neuling zur Milliardenbesitzerin
Kang selbst entdeckte den Frauenfußball erst 2019, als sie zu den Feierlichkeiten um den WM-Titel der US-Amerikanerinnen eingeladen wurde. „Ich wusste nicht, wer Leo Messi ist“, gestand sie später. Nach einem Spiel von Washington Spirit sei sie „hypnotisiert und bekehrt“ gewesen. Sie kaufte den Klub für 35 Millionen Dollar – damals ein Rekordpreis für einen Frauenfußballklub. Heute wird Washington Spirit auf über 130 Millionen Dollar geschätzt. Mit einem Vermögen von rund 1,2 Milliarden Dollar (etwa 1 Milliarde Euro) steht Kang auf Platz 28 der Forbes-Liste der reichsten US-Selfmade-Milliardärinnen. Ihr Geld stammt vor allem von „Cognosante“, einem IT-Dienstleister im Gesundheitswesen.
Die finanzielle Schieflage: Millionenausgaben bei geringen Einnahmen
Die London City Lionesses entstanden aus den Millwall Lionesses, die 2019 wegen Insolvenzgefahr ausgegliedert wurden. Unter Kang gelang innerhalb von 18 Monaten der Aufstieg in die WSL. Die Investitionen sind immens: In der Aufstiegssaison 2024/25 betrugen die Einnahmen lediglich 902.000 Pfund (1,06 Millionen Euro), die Ausgaben aber 10,6 Millionen Pfund (12,4 Millionen Euro). Rekordtransfer Grace Geyoro kostete rund 1,65 Millionen Euro, Putellas verdient angeblich 1,7 Millionen Euro pro Jahr – während der WSL-Durchschnittsverdienst bei 55.000 Euro liegt. Die Liga hat nun Finanzregeln eingeführt, die die Gehaltskosten auf 80 Prozent der Einnahmen plus maximal vier Millionen Pfund begrenzen. Bei Überschreitung drohen Punktabzüge: pro 100.000 Pfund ein Punkt, bei über 900.000 Pfund sogar zehn oder mehr Punkte. Die vergangene Saison war noch eine Übergangsphase, doch nun gelten die Regeln. Kang muss also dringend die Einnahmen steigern, um Strafen zu vermeiden.
UEFA-Konflikt droht bei Champions-League-Qualifikation
Sollte sich der sportliche Erfolg einstellen, droht ein weiteres Problem: Falls sich die Lionesses für die Champions League qualifizieren, könnte die UEFA einschreiten. Denn mit Olympique Lyon hat Kang bereits ein Team im Wettbewerb. Laut UEFA sind zwei Klubs aus demselben Einfluss in einem Wettbewerb nicht erlaubt – wie zuletzt Trainer Oliver Glasner mit Crystal Palace erlebte, der wegen Olympique Lyon nicht in der Europa League antreten durfte. Zudem ist die Konkurrenz in der WSL enorm: Manchester City, Arsenal und Chelsea dominieren die Liga seit Jahren. Ein erster Gradmesser ist das Testspiel gegen Lyon am 29. August, wenn Anyomi auf ihre DFB-Kollegin Jule Brand trifft.
Kang hat mit ihren Investitionen große Erwartungen geweckt. Lionesses-Kapitänin Kosovare Asllani lobte: „Sie ist eine Macherin. Sie redet nicht nur, und ich habe schon lange darauf gewartet, dass jemand in den Frauenfußball investiert und das auch zeigt.“ Ob die Rechnung aufgeht, wird die kommende Saison zeigen.



