Der italienische Schnellzugbetreiber Italo hat bei Siemens Mobility 26 Hochgeschwindigkeitszüge bestellt und steigt damit in den deutschen Markt ein. Neben dem Kauf wurde auch ein 30-jähriger Wartungsvertrag vereinbart, teilte die Italo-Holding am Montag mit. Der Vertrag enthält zudem eine Option auf 14 weitere Züge. Die Gesamtinvestition bezifferte CEO Gianbattista La Rocca auf 3,6 Milliarden Euro.
Italo will mehr Auswahl und faire Preise bieten
„Wir wollen den Fahrgästen in Deutschland eine größere Auswahl, häufigere Verbindungen, faire Preise und einen hochwertigen Service bieten“, erklärte La Rocca. Den Auftrag hatte Italo, das zu 49 Prozent dem Schweizer Reedereikonzern MSC untersteht, bereits vor fast einem Jahr mit Siemens ausgehandelt. Doch die Unterschrift war bis zuletzt unsicher geblieben, da in Deutschland die Gleisstrecken jeweils nur für ein Jahr vergeben werden und damit Investitionssicherheit fehlt.
Quasi-Monopol der DB gerät in Gefahr
Der Deutsche Bahn sicherte dies über Jahre ein Quasi-Monopol. Zwar drängt auch das Münchner Start-up Flixtrain ins deutsche Schienennetz, rund 95 Prozent der Verbindungen werden jedoch immer noch von den ICEs und ICs der DB bedient. Das soll sich nun nach dem Willen der Bundesnetzagentur ändern. Ende Juni verkündete die Bonner Behörde, dass die Bahn-Infrastrukturtochter DB InfraGo AG bei der jährlichen Erstellung des Netzfahrplans auf voll ausgelasteten Streckenabschnitten nicht mehr als 60 bis 75 Prozent der Kapazitäten an ein einziges Unternehmen vergeben darf. Auf stark ausgelasteten Korridoren mit ausgewiesenen Kapazitätsobergrenzen – etwa an den Knoten München und Frankfurt – müsse die DB InfraGo AG künftig sicherstellen, dass mindestens ein Wettbewerber der DB Fernverkehr AG tatsächlich zum Einsatz kommt, forderte Behördenchef Klaus Müller.
Kartellexperten stimmen zu
Am vergangenen Freitag bekräftigte die Bundesnetzagentur dies als endgültige Entscheidung, nachdem die Mitglieder des Eisenbahninfrastrukturbeirats, das Bundeskartellamt und die Monopolkommission dem zugestimmt hatten. Den Vertragsabschluss mit Siemens wertet Italo als entscheidenden Schritt, um in den offenen Wettbewerb auf einem der größten Hochgeschwindigkeitsmärkte Europas einzusteigen.
Züge vom Typ Velaro mit 320 km/h
Zum Einsatz kommen Züge des Typs Siemens Velaro Multi System mit einer Höchstgeschwindigkeit von 320 Stundenkilometern. Die jeweils mit acht Waggons bestückten Züge sollen 450 Sitzplätze in den drei Reiseklassen Club Executive, Prima Business und Smart bieten. Bestellt sind jeweils auch ein Bistrowagen sowie ultraschnelles Internet an Bord, das über 5G und Starlink sendet. Montiert werden die Züge im Siemens-Werk Krefeld, gewartet im Siemens-Mobility-Depot Dortmund.
2500 neue Mitarbeiter und Investitionen in Bahnhöfe
Geplant sei zudem die Einstellung und Ausbildung von rund 2500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Betrieb und bei Partnerunternehmen. Investieren will Italo zudem in den bislang 18 angefahrenen Bahnhöfen, wo es Verkaufsautomaten und Lounges geben soll. Hier droht ein Konflikt mit dem Bahnhofseigentümer Deutsche Bahn, die auf ihr Hausrecht pocht.
Streckennetz von 1300 Kilometern ab 2028
Ab Mitte 2028 wird das Unternehmen laut CEO La Rocca auf zwei Hauptkorridoren verkehren. Der eine läuft von München über Köln nach Dortmund, der andere von München über Berlin nach Hamburg. Auf dem 1300 Kilometer langen Streckennetz soll es täglich zunächst 50 Verbindungen geben. „Nach der Entscheidung der Bundesnetzagentur gehen wir nun die konkreten Schritte für den Betriebsstart 2028 an, von der Einstellung und Ausbildung des Personals bis zum Aufbau der vollständigen industriellen, betrieblichen und kommerziellen Struktur unseres neuen Deutschlandgeschäfts“, sagte La Rocca. Als Sitz der Besitz- und der Betreibergesellschaft nannte er Frankfurt.
Italo will deutsches Modell wie in Italien umsetzen
Nach den Worten des früheren Ferrari-Chefs Luca Cordero di Montezemolo, der Italo als Präsident vorsteht, will man den deutschen Fernverkehrsmarkt nach demselben Muster aufrollen wie zuvor in Italien. Dort war der 2006 gegründete Zugbetreiber, an dem auch eine Blackrock-Tochter und der deutsche Versicherungskonzern Allianz beteiligt sind, vor 14 Jahren gegen die italienische Staatsbahn angetreten. Das anfangs auf wenige Hauptstrecken begrenzte Netz baute Italo anschließend Schritt für Schritt aus. Mit der wachsenden Nutzung der konkurrierenden Fernverkehrszüge wurde der inneritalienische Flugverkehr zunehmend verdrängt, zugleich haben sich die Ticketpreise auf den Fernstrecken nahezu halbiert.
Gewerkschaft EVG hat Bedenken
Bei der Deutschen Bahn, der Eisenbahnergewerkschaft EVG und mehreren Ministerpräsidenten dünn besiedelter Bundesländer sind zuletzt erhebliche Vorbehalte gegen den Deutschlandstart von Italo laut geworden. Die Italiener betrieben Rosinenpickerei, so der Vorwurf, und würden damit die Ertragsbasis der Deutschen Bahn schmälern. In der Folge sei zu befürchten, dass der Staatskonzern wenig frequentierte Strecken in der Fläche streicht. Siemens dagegen zeigte sich am Montag über den Großauftrag erfreut. „Diese langfristige Partnerschaft, welche die Züge und 30 Jahre Full-Service-Wartung einschließt, ist ein wegweisendes Projekt und ein starkes Bekenntnis zu industrieller Wertschöpfung und Innovation ‚made in Germany‘“, sagt Michael Peter, CEO von Siemens Mobility.



