Mehr Züge und mehr Sitzplätze zur Ostsee: Länder erhöhen Kapazität, Stadler baut neue Züge
Wenn alles klappt, werden die Bahnverbindungen von Berlin zur Ostsee ab Dezember leistungsfähiger. Doch die Fertigstellung neuer Züge verzögert sich. Von Benjamin Lassiwe
Noch wird im roten Doppelstockzug der Baureihe 445 fleißig gewerkelt. An den Sicherungskästen finden Arbeiten statt, im Erste-Klasse-Abteil sind die Sitze verhüllt. Aber spätestens Ende 2027 sollen die zwölf Züge des Typs KISS auf dem Regionalexpress RE3 im Stundentakt von Stralsund nach Wittenberg fahren. Ein Jahr später, als geplant – denn die Produktionsstätte eines Zulieferers wurde durch eine Überflutung beschädigt, sagt der CEO von Stadler Deutschland, Josef Köcher.
„Wenn einmal ein Problem in der Lieferkette ist, ist das nur schwer wieder aufholbar.“ Der Manager war am Donnerstag Gastgeber für ein verkehrspolitisches Großereignis: Brandenburgs Verkehrsminister Robert Crumbach (SPD), Berlins Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU), Mecklenburg-Vorpommerns Verkehrsstaatssekretärin Ines Jesse (SPD) und der sachsen-anhaltinische Verkehrsstaatssekretär Sven Haller (FDP) stellten in der Auslieferungshalle von Stadler das neue Nord-Süd-Netz von DB Regio vor. Es umfasst die Linien RE3 von Stralsund nach Wittenberg, RE4 von Stendal nach Falkenberg (Elster) und RE5 von Rostock nach Ludwigsfelde.
Deutliche Kapazitätssteigerung auf den Linien RE3, RE4 und RE5
Im Vergleich zu den bisherigen Verkehren auf diesen Linien haben die beteiligten Länder ab dem Fahrplanwechsel im Dezember rund zwei Millionen Zugkilometer mehr bestellt. So wird der RE3 künftig im Stundentakt von Berlin nach Stralsund fahren, allerdings verliert Schwedt dadurch die direkte Zuganbindung nach Berlin. Der RE4 sorgt erstmals für eine stündliche Verbindung von Berlin nach Stendal und die Züge des RE5 zwischen Berlin, Neustrelitz, Rostock, Neubrandenburg und Stralsund werden auch im Winter mit fünf statt bislang vier Doppelstockwagen fahren.
Größte Verbesserung aber werden die neuen KISS2-Züge: Sie haben künftig 575 Sitzplätze, bisher waren es im RE3 505. Und die Zahl der Fahrradstellplätze steigt von 72 auf 84. Bis die Züge ausgeliefert sind, werden allerdings auch auf dem RE3 noch die gewohnten Doppelstockwagen eingesetzt.
Modernisierung der Bestandsflotte und Ausbau des Nahverkehrs
Waggons des RE5 werden modernisiert: Während sich auf dem RE3 die Kapazität zur Ostsee – auch durch die Umleitung der bisherigen Schwedter Züge nach Stralsund – deutlich erhöht, wird auf dem RE5 die Kapazität im Sommer gleichbleiben. Allerdings werden die dort eingesetzten Doppelstockwagen derzeit im DB-Werk in Wittenberge modernisiert: Kostenfreies W-Lan, neue Fahrgastinformationssysteme und mehr Steckdosen soll es dann ab Dezember geben.
„Mit dem Fahrplanwechsel machen wir einen wichtigen Schritt nach vorn“, sagt Brandenburgs Verkehrsminister Robert Crumbach (SPD). Dies gelte besonders für die Anbindung nach Mecklenburg-Vorpommern. Der Wegfall der direkten Züge nach Schwedt habe in der Region zwar für Unmut gesorgt, die künftig zwischen Schwedt und Angermünde stündlich verkehrende Regionalbahn RB61 werde aber deutlich zuverlässiger sein, als das bisherige Angebot.
„Wir erweitern bestehende Netze und fahren künftig in einem dichteren Takt“, sagte Berlins Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU). „Genau so gelingt Verkehrswende.“ Und Mecklenburg-Vorpommerns Staatssekretärin Jesse hob hervor, dass das Land MV im Rahmen seiner Mobilitätsoffensive in zwei Jahren 1,6 Millionen Zugkilometer mehr bestellt habe. Ende des Jahres werde man zudem mit dem flächendeckenden Ausrollen der Rufbusverkehre fertig sein. „Damit sind nun 60 Millionen Euro mehr im System“, sagt Jesse.
Der Schienenpersonennahverkehr ist das „Rückgrat unserer Länder – und als Landesregierungen sind wir die großen Taktgeber“, so Jesse. Da bleibt dann nur die Frage, ob es der Bahn und ihren Lieferanten auch gelingt, den Takt am Ende einzuhalten.



