Der vom chinesischen Konzern Geely kontrollierte Autobauer Volvo Cars steckt weiter in der Krise. Im zweiten Quartal des Jahres fielen die wichtigsten Kennzahlen noch stärker als von Analysten erwartet. Der Umsatz sank um 17 Prozent auf 77 Milliarden schwedische Kronen (rund sieben Milliarden Euro), das operative Ergebnis brach um etwa 50 Prozent auf 800 Millionen Kronen (72,5 Millionen Euro) ein. Gleichzeitig kappte Volvo das Ziel, in diesem Jahr mehr Autos auszuliefern als 2025.
Kooperation mit Geely als Rettungsanker
Die Schweden setzen nun verstärkt auf die Zusammenarbeit mit dem chinesischen Mutterunternehmen, um wieder zu alter Stärke zu finden. Ein zentraler Bestandteil ist die Möglichkeit für Geely, in Europa direkt zu fertigen. Volvo-Chef Hakan Samuelsson hatte bereits im Frühjahr gegenüber dem Handelsblatt angekündigt: „Wir könnten sie mit Kapazitäten in Europa unterstützen.“ Samuelsson gilt als enger Vertrauter von Geely-Eigentümer Li Shufu, der Volvo 2010 von Ford übernommen hatte.
Zukunft des Werks in Gent gesichert
Gemeinsam mit der belgischen Regierung unterzeichnete Volvo eine Absichtserklärung, um den Bestand des Werks in Gent zu sichern. Beide Seiten wollen über ein Paket von bis zu 119 Millionen Euro verhandeln, das zur Modernisierung und Standortsicherung dienen soll. Denn Unternehmenskreisen zufolge wird das Werk in Gent nicht von der Elektrifizierung der Modellpalette profitieren. Stattdessen soll das Werk in der Slowakei den Zuschlag für ein kleines Elektro-SUV auf der neuen Plattform SPA3 erhalten. Auch das von Volvo mitgegründete Elektro-Start-up Polestar wird sein Kompakt-SUV Polestar 7 im slowakischen Kosice produzieren.
Kapazitäten für Geely nutzen
Um eine massive Unterauslastung in Belgien zu vermeiden, sieht der Deal vor, dass Volvo seine Kapazitäten als Auftragsfertiger auch an andere Marken vermieten darf. Davon würde Geely bei seiner Europa-Expansion profitieren. Die Fabrik in Gent ist der letzte verbleibende Automobilstandort Belgiens; schon bald könnten dort unweit von Brüssel chinesische Autos vom Band laufen. Dies geschieht zu einer Zeit, in der die Industriepolitiker der Union über Schutzmaßnahmen für die heimische Autobranche diskutieren.
Politische Diskussionen auf höchster Ebene
Die Debatte wird bereits zwischen der EU und dem Weißen Haus geführt. Donald Trumps Handelsberater Peter Navarro forderte die Union auf, härter gegen chinesische Hersteller vorzugehen, und bezeichnete sie als „Piraten“. Volvo-Chef Samuelsson konterte nach Vorlage der Bilanzzahlen: Navarros Aussagen seien übertrieben; die chinesischen Hersteller hätten „vieles richtig gemacht“ und gehörten „neben den traditionellen Konzernen nun auch mit zu den Branchenführern“.
Elektrooffensive gegen BMW und Mercedes
Die Zusammenarbeit mit Geely geht über die Fertigung hinaus: Volvo importiert und vertreibt die Geely-Marke Lynk & Co in Europa, die im Volumensegment positioniert ist. Im Premiumsektor setzt Volvo auf seine Elektrooffensive. Das erste Modell ist das elektrische Mittelklasse-SUV EX60, das mit dem BMW iX3 und dem Mercedes GLC konkurriert. Samuelsson rechnet damit, dass sich Volvo in der zweiten Jahreshälfte besser entwickeln wird.



