Bei Europas größtem Autobauer Volkswagen geht es am Donnerstag ums Ganze. Der Aufsichtsrat trifft sich am Nachmittag, um über ein neues Geschäftsmodell für den Wolfsburger Konzern mit seinen rund 670.000 Mitarbeitern weltweit zu beraten. Begleitet von Protestaktionen der Arbeitnehmer an allen Konzernstandorten in Deutschland steht dabei die Frage im Mittelpunkt, wie sich Volkswagen künftig positioniert und vor allem, welche Rolle die Produktion in Deutschland weiterhin haben wird.
Kapazitätsreduzierung und Arbeitsplatzabbau
Konzernchef Oliver Blume will die Kapazitäten weiter reduzieren und sich so auf einen dauerhaft niedrigeren Absatz insbesondere in Europa einstellen. Weitere Zehntausende Arbeitsplätze sind in Gefahr. Insidern zufolge geht es dabei auch um die Frage, ob vier Fahrzeugwerke in Deutschland langfristig Bestand haben. Dabei geht es um die VW-Fabriken in Emden und Zwickau, das Nutzfahrzeugwerk in Hannover und das Audi-Werk in Neckarsulm, die den Insidern zufolge nach dem Auslaufen der derzeit dort gefertigten Modelle keine neuen Fahrzeuge mehr erhalten könnten.
Druck der Eigentümer und Überkapazitäten
Blume steht dabei unter dem Druck der Familien Porsche und Piech, deren Holding Porsche SE zuletzt Milliarden auf ihre VW-Beteiligung abschreiben musste. Er reagiert zudem auf Überkapazitäten, die trotz des Sparprogramms von 2024 immer noch vorhanden sind. Nach Informationen des Datendienstleisters Mobility Global liegt die Auslastung aller deutschen Volkswagen-Konzernwerke im laufenden Jahr bei rund 81 Prozent. Bis Ende des Jahrzehnts dürfte sie aber auf 73 Prozent sinken. Besonders stark dürfte der Rückgang in Zwickau ausfallen, wenn der ID.3 nach Wolfsburg verlagert wird.
Pattsituation im Aufsichtsrat
Normalerweise verfügt die Kapitalseite im Aufsichtsrat dank des doppelten Stimmrechts von Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch über eine Mehrheit. Nach dem überraschenden Rückzug von Ex-Renk-Chefin Susanne Wiegand herrscht derzeit bei Volkswagen allerdings ein Patt. Entsprechend steht Blume vor der Aufgabe, auch die IG Metall von seinen Plänen zu überzeugen.
Proteste und Reaktion der IG Metall
IG-Metall-Chefin Christiane Benner sagte im Vorfeld zu den geplanten Protestaktionen der Arbeitnehmerseite, diese seien ein „klares Signal an den Vorstand: Nicht mit uns!" Die Beschäftigten hätten ihre Beiträge geleistet. „Anstatt die Versäumnisse der letzten Jahre auf dem Rücken der Belegschaft abzuladen: Kümmert euch um das Optimierungspotenzial zwischen den Marken und bessere Zusammenarbeit. Die ständigen Angriffe auf die Rechte der Kolleginnen und Kollegen nehmen wir nicht ohne Gegenwehr hin."
Verschärfte Lage seit 2024
Volkswagen hatte erst kurz vor Weihnachten 2024 den Abbau von 35.000 Arbeitsplätzen in Deutschland und das Ende der Autofertigung in Osnabrück und Dresden beschlossen. Doch seither hat sich die Situation deutlich verschärft. Die Zölle von US-Präsident Donald Trump erschweren Importe in die USA, der chinesische Automarkt bricht ein, in Europa nehmen chinesische Anbieter den etablierten Herstellern massiv Marktanteile weg. Blume hatte bei der Jahres-Pressekonferenz auf einen weiteren Sparkurs eingestimmt und angekündigt, jeden Stein im Konzern umzudrehen.



