Der Aufsichtsrat von Volkswagen berät an diesem Donnerstag über einen geheimen Rettungsplan, der einen radikalen Umbau des Konzerns vorsieht. Nach Informationen der BILD, die von mehreren unabhängigen Quellen bestätigt wurden, geht es um Werke, Jobs, Marken und Beteiligungen – und um die Frage, wie Deutschlands wichtigster Autokonzern überleben kann.
Milliardenschwere Einsparungen geplant
Der größte finanzielle Einschnitt betrifft Investitionen sowie Forschung und Entwicklung. Diese Ausgaben sollen für den Zeitraum 2027 bis 2031 um insgesamt 50 Milliarden Euro sinken, von bisher geplanten 185 Milliarden auf nur noch 135 Milliarden Euro. Gleichzeitig strebt der Konzern bis 2030 eine operative Umsatzrendite von 9 Prozent an, was einem operativen Ergebnis von 30,6 Milliarden Euro entspräche. Die Gemeinkosten sollen auf 37 Milliarden Euro gedrückt werden – rund 12 Prozent des Umsatzes im Automobilbereich.
Bis zu 140.000 Jobs betroffen
Besonders heikel ist die Beschäftigung. In den internen Planungen werden insgesamt bis zu 140.000 Arbeitsplätze als möglicherweise betroffen bewertet. Konkret genannt werden in der Technischen Entwicklung mindestens 15.000 Stellen und in der Produktion mindestens 5000 Stellen. Weitere Einschnitte sind in Verwaltung und anderen Bereichen vorgesehen. Entwicklungsarbeit soll verstärkt an kostengünstigere internationale Standorte verlagert werden, Künstliche Intelligenz soll Tests reduzieren und Prozesse beschleunigen.
Zunächst setzt VW auf freiwillige Lösungen wie Altersteilzeit, Abfindungsprogramme und freiwillige Austritte. Doch intern gilt Deutschland wegen Beschäftigungssicherung, Standortvereinbarungen und Mitbestimmung als schwierigstes Feld. Auch die Zahl der Managementpositionen soll weltweit massiv reduziert werden, von rund 21.500 auf 16.000 – das wären mehr als 5500 Manager weniger.
Vier deutsche Werke ohne neue Modelle
Nach BILD-Informationen sollen vier deutsche Werke in künftigen Planungsrunden keine neuen Fahrzeugmodelle mehr erhalten: Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm. Ab 2031 soll zunächst in Zwickau und Emden die Produktion auslaufen, 2032 bei VW Nutzfahrzeuge in Hannover und 2034 bei Audi in Neckarsulm. In Europa sieht VW Überkapazitäten von mehr als 500.000 Fahrzeugen. Für die Transformation der Standorte werden rund 6 Milliarden Euro veranschlagt. Eine letzte Chance vom Vorstand: Nur wenn die Fabriken bis Mitte 2027 massiv Kosten senken, sollen sie noch eine Zukunft haben.
Das Produktangebot soll radikal ausgedünnt werden: Das Modellangebot des Konzerns soll global um rund 50 Prozent reduziert werden, die Variantenvielfalt sogar um bis zu 75 Prozent. Seat soll in den internen Zielplanungen für 2030 nicht mehr als eigenständiger Bestandteil geführt werden und bis spätestens Ende 2029 auslaufen, während Cupra als eigenständige Wachstumsmarke fortgeführt wird.
Verkäufe von Beteiligungen sollen Milliarden bringen
Der Umbau reicht weit über Autos und Werke hinaus. VW will sein Beteiligungsportfolio drastisch straffen. Von mehr als 2000 Gesellschaften könnten rund 35 Prozent überprüft, zusammengelegt, verkauft oder abgewickelt werden – etwa 700 Gesellschaften. Der mögliche finanzielle Effekt: zusätzliche Nettoliquidität von 10 bis 15 Milliarden Euro bis 2030. Auf dem Prüfstand stehen unter anderem Ducati, Europcar sowie Lade-, Mobilitäts- und Venture-Capital-Aktivitäten. Sogar VW-Beteiligungen an VfL Wolfsburg, FC Bayern München, VfB Stuttgart und FC Ingolstadt sollen überprüft werden.
Machtstruktur soll umgebaut werden
Das operative Geschäft der Volkswagen AG soll auf eine Volkswagen Pkw AG und eine Volkswagen Komponente AG ausgegliedert werden. Die Volkswagen AG selbst würde stärker als schlanke Dachgesellschaft agieren. Ziel: weniger Gremien, weniger doppelte Zuständigkeiten, schnellere Entscheidungen. Betriebsrat und Gewerkschaft haben bereits angekündigt, den Plänen nicht zuzustimmen. Vor der Zentrale in Wolfsburg wird demonstriert, auch an anderen deutschen Standorten sind Protestaktionen angekündigt.
Einzelne Punkte sind noch nicht final entschieden – Prüfungen und Verhandlungen stehen noch aus, Gremien müssen erst noch zustimmen. Klar ist aber: Aus dem alten Autoriesen soll ein neuer, schlankerer, profitablerer Konzern werden. Für die Führung ist es ein Rettungsplan. Für viele Beschäftigte klingt es wie eine bange Frage: Wer zahlt den Preis für die Rettung von Volkswagen?



