VW setzt auf KI: 30 Monate Entwicklung, Milliarden-Einsparungen
VW setzt auf KI: 30 Monate Entwicklung, Milliarden-Einsparungen

Volkswagen (VW) verkürzt die Entwicklungszeit neuer Fahrzeuge drastisch. Während die Entwicklung eines Pkw in Deutschland bisher 54 Monate dauerte, schaffen chinesische Hersteller dies in 36 oder sogar 30 Monaten. IT-Vorständin Hauke Stars kündigt an: „Auch wir werden mit Unterstützung von KI Autos deutlich schneller entwickeln und bauen.“ Der ID.Every1 mit Marktstart 2026 werde der erste VW sein, der in rund 30 Monaten entwickelt wurde – so schnell wie die Konkurrenz aus China.

Datensilos aufgebrochen: VW schafft Daten-Ökosystem

Als Hauke Stars 2022 zu VW kam, waren die Datenmengen noch in Silos eingesperrt. Der Datentransfer sei eine Riesenherausforderung gewesen, erinnert sich die studierte Informatikerin. Mit ihrem Team baute sie eine Infrastruktur auf, die Daten für viele Anwender zugänglich macht – ähnlich einem „Amazon-Shop“ für unternehmensinterne Daten. Inzwischen ist ein großer Teil des „Datenschatzes“ verfügbar.

Stars, die zuvor bei Bertelsmann, Thyssenkrupp, Hewlett Packard und acht Jahre im Vorstand der Deutschen Börse arbeitete, betont: „Es gab bei Volkswagen nie eine Abwehrhaltung gegen KI.“ Der ChatGPT-Moment 2022 wurde als große Chance gesehen. Durch den Stellenabbau gebe es eine Arbeitsverdichtung, und KI helfe, damit umzugehen. Das Management stimme sich eng mit der Arbeitnehmervertretung ab.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

1400 KI-Anwendungen im Einsatz – Wirtschaftlichkeit im Fokus

Der Autokonzern hat derzeit mehr als 1400 KI-Applikationen im Einsatz. „Der Mehrwert ist sehr klar“, so Stars. Die Technologie werde nur eingesetzt, wenn sie sich rechnet – anders als vor zwei Jahren, als man noch mehr experimentierte. Alle digitalen Arbeitsplätze im Konzern sind für Basis-KI befähigt, perspektivisch soll ein Großteil professionelle KI-Funktionen erhalten. Insgesamt gibt es rund 325.000 Lizenzen konzernweit.

Bis Ende des Jahrzehnts investiert VW nach bisherigen Plänen eine Milliarde Euro in KI und erwartet bis 2035 Kosteneinsparungspotenziale von mehreren Milliarden Euro.

Breites Anwendungsspektrum: Von Generativer KI bis Autonomes Fahren

VW setzt KI in sehr unterschiedlichen Bereichen ein:

  • Generative KI: Hilft bei der Erstellung von Lastenheften und standardisierten Vertragswerken.
  • Entwicklung: Virtuelle Konstruktion, KI-basierte Softwareentwicklung und automatisierte Tests. Ziel ist eine integrierte KI-gestützte Entwicklungskette. Die aktuell mehr als 400 Entwicklungssysteme sollen auf deutlich unter 100 Module konsolidiert werden.
  • Tests: Bis 2030 sollen virtuelle Tests zum Standard werden und aufwendige physische Erprobungen weitgehend ersetzen.
  • Produktion und Logistik: Maschinenoptimierung, etwa zur effizienteren Nutzung von Energie und Material. Beispielsweise laufen Druckluftkompressoren durch KI energieeffizienter, was zehn Prozent Strom spart.
  • Qualitätssicherung: KI unterstützt das menschliche Auge. Eine KI-basierte Anwendung prüft am Geräusch, ob Getriebeteile perfekt ineinanderpassen.
  • Wissensverknüpfung: KI verknüpft Informationen und unstrukturierte Daten, reduziert Bürokratie und beschleunigt Prozesse. Eine Anwendung hilft Konstrukteuren mit Werkstoffempfehlungen.
  • IT-Sicherheit: KI-Systeme überwachen den Datenverkehr und schlagen bei Unregelmäßigkeiten Alarm.
  • Software-Coding: Der Github Copilot unterstützt Entwickler als Prüfinstanz und korrigiert Fehler automatisch.
  • Autonomes Fahren: Fahrzeuge lernen mit jeder neuen Situation dazu – wie ein Mensch. In China wird VW 2025 autonomes Fahren auf Level 2++ anbieten.

Kostenexplosion bei KI: VW setzt auf eigene Rechenkapazitäten

Ein brisantes Thema sind die explodierenden Kosten für KI. Stars sagt: „Wenn KI-Unternehmen dreistellige Milliardenbeträge in ihre Modelle investieren, ist es absehbar, dass für die Anwender die Kosten steigen.“ VW habe aber gute Verträge geschlossen und nutze auch eigene Rechenkapazitäten. Die Kostenfrage werde in Zukunft sehr wichtig.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

VW hat eine private Cloud mit T-Systems aufgebaut. „Wir wollen mehr Daten selbst im europäischen Rechtsraum und aus Deutschland heraus verarbeiten“, erklärt Stars. „Wir prüfen noch, welche Anwendungen wir aus bestehenden Clouds in unsere Umgebung verschieben.“

Resilienz und geopolitische Unabhängigkeit

Mit Blick auf China und andere Regionen betont Stars: „Wir denken Resilienz in unseren IT-Systemen seit jeher mit. So bereiten wir uns auf geopolitische Umbrüche vor und können unabhängig weiterarbeiten.“ Resilienz bedeute aber nicht Abschottung. VW arbeitet mit Tech-Unternehmen wie Dassault, Mistral oder Spread AI zusammen und unterstützt Catena-X, ein kollaboratives Datenökosystem für die europäische Automobilindustrie. „Diese Systeme allein zu bauen, wäre für niemanden finanzierbar“, so Stars.

Seit Anfang 2025 bereiten mehrere europäische Mitgliedstaaten, koordiniert durch das Bundeswirtschaftsministerium, ein gemeinsames Projekt für industriespezifische KI vor (IPCEI). Stars sieht dies positiv: „Das ist eine wichtige Initiative.“

Regulierung: Maßvoll, nicht überregulierend

Im Wettbewerb mit den USA und China ist die Regulierung von KI eine Gratwanderung. Stars betont: „Eine maßvolle Regulierung von KI ist sinnvoll, weil KI eben auch Risiken birgt. Aber wir dürfen regulatorisch nicht übertakten. Immer neue Regeln schaffen keine Innovation.“ Sie begrüßt den AI Omnibus auf EU-Ebene, der regulatorische Defizite gezielt angehen soll. Rat und Parlament hatten sich im Mai vorläufig auf einen Vorschlag geeinigt, der bestimmte Vorschriften für KI strafft.