Der bundesweite Zugstillstand in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch hat Politik und Bahnaufseher überrascht – obwohl sich seit Monaten abzeichnet, dass sich bei der Deutschen Bahn unter der neuen Chefin Evelyn Palla wenig verbessert. Nach bisherigem Ermittlungsstand ist die Bahn-Tochter DB Systel für den Ausfall verantwortlich. Bahnexperte Christian Böttger, Professor an der HTW Berlin, sagte gegenüber Christoph Schlautmann: „IT-Berater berichten uns, dass bei Systel chaotische Strukturen vorherrschen.“ Dabei hatte das Unternehmen bis vor einem Jahr mit Evelyn Palla eine prominente Aufsichtsratschefin.
Alte und neue Probleme türmen sich auf
Es wäre vermessen, von einer neuen Bahnchefin innerhalb von zehn Monaten eine Wende zu erwarten. Doch nicht nur alte Probleme bleiben ungelöst, es häufen sich beständig neue an. Die Eröffnung des Chaosprojekts Stuttgart 21 wurde offiziell auf unbestimmte Zeit vertagt – frühestens auf Ende 2031. Die Pünktlichkeitswerte des Fernverkehrs verschlechterten sich unter Pallas Führung zunächst auf 52,1 Prozent im Januar, erholten sich zuletzt auf knapp über 60 Prozent. Laut einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ verdoppelte sich jedoch die Zahl ausgefallener Züge auf elf Prozent täglich – diese fließen nicht in die Pünktlichkeitsstatistik ein und konterkarieren Pallas Versprechen einer „ehrlichen Kommunikation“.
Generalsanierungen und Personalwechsel
Die Generalsanierungen wichtiger Schienenstrecken halten weder Zeitpläne noch Versprechen noch Kostenrahmen ein. Dennoch will die Bahnchefin dafür bis Mitte der 2030er Jahre immer wieder zentrale Strecken über Monate sperren lassen. Beim Personal mussten Gütervorständin Sigrid Nikutta und Kurzzeit-Finanzvorständin Karin Dohm gehen – Letztere nach nur 90 Tagen. Den seit Jahren erfolglosen Fernverkehrsvorstand Michael Peterson hingegen lässt Palla weitermachen.
Milliardenforderungen und Eigenkapitalerhöhung
Einzige verbindliche Zahl, die zuletzt mit Palla in Zusammenhang gebracht werden konnte: Sie forderte 13 Milliarden Euro mehr bis 2030 für pünktliche Züge vom Bund. Dabei hat der Bund gerade erst das Eigenkapital um 8,48 Milliarden Euro aufgestockt. Hinzu kamen 12,6 Milliarden Euro für die Bundesschienenwege im Haushalt 2025, plus Milliarden aus dem Sondervermögen. Die Diskrepanz zwischen Forderungen und bereits bereitgestellten Mitteln wirft Fragen auf.



