Der Dax hat am Montag die Marke von 26.000 Punkten überwunden und mit knapp über 26.000 Zählern ein neues Rekordhoch erreicht. In denselben Tagen legten mehrere Dax-Unternehmen jedoch Bilanzen für das erste Halbjahr vor, die als miserabel bezeichnet werden müssen. Besonders hart trifft es die drei großen Autobauer BMW, Mercedes und VW.
Gewinneinbrüche bei den Autokonzernen
Die Zahlen sind eindeutig: Bei BMW ist der Nettogewinn im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 26 Prozent eingebrochen. Noch gravierender fällt der Rückgang bei Volkswagen aus, wo das Minus bei 36 Prozent liegt. Mercedes kann das Gesamtminus dank der Finanzsparte auf vier Prozent begrenzen – doch im Pkw-Geschäft stürzt der Gewinn um 66 Prozent ab. Diese Werte zeigen, wie tief die Krise in der Autobranche inzwischen reicht.
Warum der Dax die Autokrise ignoriert
Doch der Dax zeigt sich von diesen schwachen Zahlen weitgehend unbeeindruckt. Der Grund dafür ist eine strukturelle Veränderung im Index: Die einst dominierenden Autowerte haben ihren Einfluss auf den Leitindex fast vollständig verloren. Ihre Aktienkurse sind über das vergangene Jahrzehnt derart gefallen, dass die Kursentwicklung der Autobauer für den Gesamt-Dax nahezu bedeutungslos geworden ist.
Das belegen auch die Marktkapitalisierungen: BMW, Mercedes und VW bringen es zusammen nur noch auf rund 125 Milliarden Euro. Zum Vergleich: In Hochzeiten im Jahr 2015 waren die drei Konzerne zusammen fast 300 Milliarden Euro wert. Das aktuelle Börsengewicht der Autobauer im Dax beträgt gerade einmal 5,6 Prozent – vor elf Jahren waren es noch 23 Prozent.
Der Niedergang ist das Ergebnis eines historischen Wandels. Die Autobauer, über Jahrzehnte das Aushängeschild der deutschen Wirtschaft, haben an den Finanzmärkten massiv an Strahlkraft verloren. Gründe dafür sind vielfältig: Die Konzerne kämpfen mit den Herausforderungen der Elektromobilität, neuen Konkurrenten aus den USA und China sowie einem veränderten Investitionsverhalten an den Börsen. Auch der Dieselskandal hat langfristige Spuren hinterlassen, selbst wenn er nicht explizit in den Bilanzen des ersten Halbjahres auftaucht. Fakt ist: Institutionelle Anleger meiden die Branche zunehmend und ziehen Technologiewerte vor.
Schlecht für die Wirtschaft, gut für Anleger
Diese Entwicklung ist zweischneidig. Für die deutsche Wirtschaft ist die schrumpfende Bedeutung der Autoindustrie alles andere als erfreulich. Sie gilt als das industrielle Rückgrat des Landes und als einer der wichtigsten Arbeitgeber. Ein weiterer Bedeutungsverlust könnte spürbare Folgen für Konjunktur und Arbeitsmarkt haben. Der Dax hingegen profitiert geradezu von der geringen Gewichtung der Autobauer: Ein Gewinneinbruch wie der aktuelle würde den Index bei einem früheren Gewicht von 23 Prozent erheblich belasten. So verpufft die schlechte Nachricht nahezu wirkungslos.
Für Anleger überwiegen daher langfristig die Vorteile. Der Dax ist heute breiter aufgestellt und weniger verwundbar durch Branchenkrisen. Die Abhängigkeit von drei großen Namen ist Geschichte. Stattdessen bestimmen andere Sektoren wie Technologie, Pharma oder Finanzwerte die Kursentwicklung – eine Entwicklung, die den Index stabiler macht. Die Börse blickt also nach vorn. Sie honoriert Zukunftsmärkte und bestraft strukturelle Probleme. Dass der Dax deshalb neue Höchststände erreicht, während Autobauer triste Zahlen vorlegen, ist kein Widerspruch – es ist die neue Normalität. Für deutsche Privatanleger heißt das: Sie müssen sich von der Vorstellung verabschieden, dass der Dax in erster Linie ein Abbild des Automobilstandorts Deutschland ist.
Analyse von Ulf Sommer: Der Dax als Spiegel des Wandels
Zu dieser Einschätzung kommt eine Analyse von Ulf Sommer, die am Montag zum Börsenschluss veröffentlicht wurde. Sommer beschreibt darin den Wandel des Dax von einem autolastigen Index zu einem modernen Leitindex, der die wirtschaftliche Realität Deutschlands nur noch bedingt widerspiegelt. Seine Schlussfolgerung: Was auf den ersten Blick wie ein Widerspruch wirkt – Rekordhoch und Absturz der Autowerte gleichzeitig –, ist bei genauerer Betrachtung die logische Folge der veränderten Indexstruktur.
Die Autobauer wiederum haben mit der Börse wenig zu tun: Ihr Schicksal entscheidet sich nicht im Dax, sondern in den Werken, im Vertrieb und im Wettbewerb um die Mobilität der Zukunft. Für Anleger ist diese Trennung eine gute Nachricht – die Sorge um die Autobranche muss nicht mehr das gesamte Depot in Mitleidenschaft ziehen.



