Der Iran-Krieg wird von vielen Marktteilnehmern immer noch unterschätzt. Sie blenden die Risiken aus, die am Horizont lauern wie ein Eisberg, auf den der Supertanker Realwirtschaft zusteuert. Dieser hat in meinen Augen zu viel Momentum, um noch abzudrehen und eine Kollision zu vermeiden.
US-Börse überschätzt schnelle Normalisierung der Ölpreise
Während an den US-Börsen schon wieder auf eine V-förmige Erholung gesetzt wird und am 17. April neue Allzeithochs erreicht wurden, bleibt die Versorgungskrise im Persischen Golf bestehen. Die Straße von Hormus ist immer noch blockiert, ein schneller Frieden ist nicht in Sicht, und jeder weitere Tag ohne normale Energie- und Warenströme erhöht das Risiko, dass aus einem geopolitischen Schock eine realwirtschaftliche Krise wird. Flammen die Kämpfe wieder auf, verschlimmert das die Schäden – mit katastrophalen Folgen.
Noch spiegeln die Kurse vor allem Hoffnung: auf Donald Trump, auf irgendeinen Deal in letzter Minute, auf eine schnelle Rückkehr zur Normalität. Doch Schiffe, Raffinerien, Versicherer, Lieferketten und Vorprodukte kennen keine V-förmige Erholung auf Knopfdruck. Selbst die US-Energiebehörde geht davon aus, dass Treibstoffpreise auch nach einer Wiederöffnung der Straße von Hormus noch monatelang hoch bleiben könnten. Deshalb dürfte die US-Börse mit ihren neuen Allzeithochs einem Denkfehler unterliegen.
Durch die Meerenge fließen neben Öl auch LNG, LPG, raffinierte Produkte, Dünger-Bestandteile und Helium. Bleibt dieser Korridor gestört, stockt die Blutbahn der Weltwirtschaft.
Die Finanzmärkte tun dennoch so, als lasse sich eine solche Störung mit ein paar diplomatischen Signalen und neuen Trump-Verlautbarungen rasch wieder aus der Welt handeln. Aber Warenströme folgen keinem Social-Media-Post. Selbst wenn der Krieg morgen beendet würde, hieße das noch lange nicht, dass Schiffe sofort wieder normal fahren, Raffinerien ohne Reibung versorgt werden und alle Risikoaufschläge verschwinden.
Besonders heikel: Kerosin und Harnstoff
Besonders heikel ist die Lage bei Kerosin und Harnstoff, der für die Düngemittelproduktion gebraucht wird. Europas Luftverkehr kann in wenigen Wochen zum Erliegen kommen – mitten in der Urlaubszeit. Flugzeuge befördern aber nicht nur Touristen, sondern auch Güter und Nahrungsmittel. Die werden ohnehin knapp, wenn weniger Felder gedüngt und weniger Tiere gefüttert werden können. In der globalen Weltwirtschaft greift alles ineinander, und manche fürchten schon Hungersnöte in armen Ländern.
Heikel ist die Lage auch beim Diesel. Er treibt Lastwagen, landwirtschaftliche Maschinen, Baumaschinen, Teile der Industrie und weite Teile der Logistik an. Bleibt Diesel teuer, verteuert sich nicht nur der Transport, sondern fast alles, was transportiert, produziert, geerntet oder gebaut wird. Aus einem Energieschock würde so schrittweise ein Kostenschock für die gesamte Wirtschaft.
Und selbst wenn Güter weiter transportiert werden, kommen sie womöglich später, auf Umwegen und zu höheren Kosten ans Ziel. Höhere Kriegsversicherungsprämien, knapper werdende Schiffskapazitäten und längere Routen treiben die Frachtkosten nach oben.
Zusatzkosten drücken schleichend auf Unternehmensmargen
Das klingt zunächst nach einem Spezialthema für Reeder und Versicherer. In Wahrheit ist es ein direkter Angriff auf die Margen vieler Unternehmen. Denn irgendwann landen diese Zusatzkosten in Einkaufsabteilungen, Produktionsplänen und Ergebnisrechnungen. Genau darin könnte der Denkfehler der Börse liegen. Ein Markt kann politische Hoffnung sehr schnell einpreisen. Eine echte Lieferkette kann das nicht.
Die eigentliche Gefahr für die Börse liegt deshalb womöglich gar nicht im nächsten Schlagabtausch am Golf, sondern in den Quartalszahlen der Unternehmen. Wenn Margen unter Druck geraten, werden Unternehmensausblicke vorsichtiger, Investitionen verschoben und Projekte gestrichen. Die Folge: sinkende Gewinne. Der Internationale Währungsfonds (IWF) warnt bereits, dass ein längerer Krieg und ein anhaltender Energieschock Wachstum und Unternehmensumfeld deutlich belasten würden. Bis hin zur globalen Rezession. Im schlimmsten Fall einer Depression.
Vor allem energieintensive Branchen, Transport, Chemie, Industrie und zyklische Konsumgüter wären anfällig. Aber auch viele Unternehmen, die auf den ersten Blick wenig mit dem Persischen Golf zu tun haben, könnten betroffen sein, weil Vorprodukte fehlen, Lieferzeiten steigen oder Kunden auf höhere Preise mit Zurückhaltung reagieren. Die Krise würde sich dann nicht in einem einzigen spektakulären Moment zeigen, sondern langsam in den Bilanzen manifestieren.
Warum ein Crash unwahrscheinlich ist
Deshalb erscheint mir ein schleichender, zäher Abschwung an den Börsen (Bärenmarkt) plausibler als ein großer, panischer Ausverkauf (Crash). Nicht ein schwarzer Montag würde drohen, sondern viele graue Wochen und Monate. Die Märkte könnten nach und nach begreifen, dass hohe Bewertungen und neue Allzeithochs nicht gut zu einer Welt passen, in der Energie, Transport und Kapital wieder teurer werden und die Gewinnschätzungen zu optimistisch waren.
Der IWF zeichnet für 2026 selbst in seinen ernsteren Szenarien (noch) kein Weltuntergangsbild, wohl aber eine Kombination aus schwächerem Wachstum und höherer Inflation, was für Aktienmärkte unerquicklich wäre, weil Zinssenkungen der Zentralbanken dann nicht vertretbar sind.
Dass die Börsen dennoch so zuversichtlich bleiben, hat mehrere Gründe. Märkte lieben die Hoffnung auf ein schnelles Happy End. Viele Anleger sind darauf trainiert, jeden Rücksetzer als Kaufchance zu sehen. Dazu kommt die Gewohnheit der vergangenen Jahre, dass politische Krisen oft schneller abgeklungen sind als zunächst befürchtet. Beispiel Corona-Pandemie oder Liberation Day. Nur folgt daraus nicht, dass es diesmal ebenso laufen muss.
Hinzu kommt ein psychologischer Denkfehler: Politische Schlagzeilen lassen sich in Sekunden handeln, physische Engpässe nicht. Ein Trump-Post ist schnell eingepreist, ein gestörter Tankerverkehr, knapperes Kerosin oder teurer Diesel aber nicht. Vielleicht kommt die erhoffte Entspannung tatsächlich. Doch solange die Märkte schon Frieden handeln, während die Realwirtschaft noch mit den Folgen des Krieges ringt, ist Skepsis keine Panikmache.
Ruhig bleiben: Sparplan fortsetzen, Cashquote prüfen
Für Anleger folgt daraus vor allem eines: Ruhe bewahren. In einem Umfeld, in dem sich Eskalation und neue Hoffnung fast täglich abwechseln, ist hektisches Handeln keine gute Strategie. Wer langfristig investiert, kann Sparpläne weiterlaufen lassen und sich so dem Timing-Stress entziehen. Ebenso vernünftig kann es sein, die Cashquote etwas zu erhöhen, statt jedem neuen Hoch hinterherzulaufen.
Ich selbst habe am Anfang des Krieges noch heftig gehandelt, mittlerweile aber keine Nerven mehr, mich von den Nachrichten aus dem Weißen Haus treiben zu lassen.
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