Morgenbriefing: Die drei versteckten Risiken der Börsen
Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,
Die Finanzmärkte und der Rest der Menschheit mögen in derselben Welt leben, doch in unterschiedlichen Wirklichkeiten bewegen sie sich dennoch. Hier Kriege, Konjunkturdellen und KI-Ängste. Dort Aktien, die zu immer neuen Rekordbewertungen kommen. Der US-Index S&P 500 etwa stieg allein in diesem Monat um 27 Prozent, der Dow Jones um 23 Prozent.
Vor allem den Finanzaufsehern dämmert es, dass die Börsenrealität womöglich doch eine Scheinrealität sein könnte. Das Risiko von Rückschlägen an den Märkten sei hoch, sagte Verena Ross, Chefin der EU-Finanzmarktaufsicht Esma, meinem Kollegen Andreas Kröner. Die Bewertungen an den Kapitalmärkten wirkten „im historischen Vergleich überdehnt“, erklärte die Europäische Zentralbank (EZB). Und Mark Branson, Präsident der deutschen Finanzaufsicht Bafin, hatte bereits Mitte Mai von einem hohen „Potenzial für plötzliche Marktkorrekturen“ gesprochen.
Drei Entwicklungen beunruhigen die Aufseher
Die Folgen des Irankriegs werden unterschätzt: „Es gibt berechtigte Zweifel, ob die Märkte die längerfristigen Effekte des Krieges schon eingepreist haben, etwa seine Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum und die Inflation“, sagt Ross. Und Branson ergänzt: „Die Marktteilnehmer scheinen fest daran zu glauben, dass politische Turbulenzen immer reversibel sind.“ Das aber ist eine Illusion.
Wenig regulierte Marktteilnehmer: Vor allem der Private-Credit-Markt, auf dem sich Unternehmen an klassischen Banken vorbei Geld leihen können, wächst. Mehr als zwei Billionen Dollar liegen hier. In den vergangenen Monaten hat das Misstrauen gegenüber dieser Anlageklasse zugenommen. Weniger regulierte Finanzinstitute außerhalb des Bankensektors „könnten Ausschläge an den Märkten verstärken“, warnte etwa Ex-EZB-Vize Luis de Guindos.
Cyberrisiken: Neue KI-Modelle wie Mythos von Anthropic könnten Finanzkonzernen zwar helfen, sich besser zu schützen, sagt Finanzmarktaufseherin Ross. „Wenn die Modelle in die falschen Hände geraten, kann das aber zu großen Problemen führen und am Ende sogar die Finanzstabilität gefährden.“
Joachim Nagel, Verena Ross: „Risiken an den Kapitalmärkten nochmals gestiegen.“ Foto: Imago, getty, Reuters, brckmnn [M]
Wie immer an den Märkten gibt es eine Gegenseite. Der unabhängige US-Analyst Ed Yardeni begründet die hohen Kurse mit der Stärke und Breite der Firmengewinne. Aus seiner Sicht wird die Entwicklung am Aktienmarkt derzeit nicht von „Fomo“ (Fear of Missing Out) getrieben, sondern von „Femo“ – Fabulous Earnings Momentum. Wobei Fabelwesen ja so ihre Tücken haben: Sie sehen super aus, nur mit der Substanz ist das so eine Sache.



