Magnetfusionskraftwerke: Deutschlands Energiezukunft im Wettstreit der Technologien
Die Energieversorgung der Zukunft könnte aus Bayern kommen: Proxima Fusion, eine Ausgründung des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik, hat gemeinsam mit dem Freistaat Bayern, dem IPP und dem Energiekonzern RWE eine wegweisende Absichtserklärung unterzeichnet. Das Ziel ist ambitioniert: der Bau des ersten deutschen Magnetfusionskraftwerks, das letztlich kommerziell Strom erzeugen soll.
Zwei Lager im Fusions-Wettlauf
Während Wissenschaftler seit Jahrzehnten an der Nutzung der Kernfusion forschen – jener Energie, die bei der Verschmelzung von Wasserstoffkernen zu Helium entsteht – hat sich in den letzten Jahren ein internationaler Wettlauf um die Kommerzialisierung entwickelt. In Deutschland stehen sich dabei zwei technologische Ansätze gegenüber:
- Magnetfusion: Proxima Fusion und das pan-europäische Konsortium Gauss Fusion setzen auf Magnetkäfige (Stelleratoren), in denen die Fusionsreaktion kontrolliert ablaufen soll.
- Laserfusion: Die Münchener Marvel Fusion und das hessische Start-up Focused Energy verfolgen den Ansatz der Laserfusion, bei dem Hochleistungslaser die Fusionszündung auslösen.
Besonders spannend: RWE ist an beiden Technologiepfaden beteiligt. Der Essener Energieriese hat sowohl mit Proxima Fusion für die Magnetfusion als auch mit Focused Energy für die Laserfusion Kooperationsvereinbarungen getroffen.
Standortwettbewerb: Bayern gegen Hessen
Der geplante Standort für das Magnetfusionskraftwerk von Proxima Fusion ist Gundremmingen in Bayern, wo RWE derzeit ein stillgelegtes Kernkraftwerk zurückbaut. Die Partner wollen die bestehende Infrastruktur nutzen und gemeinsam an Genehmigungsverfahren arbeiten.
Zuvor soll jedoch ein Demonstrator in Garching bei München entstehen, in unmittelbarer Nähe zum Max-Planck-Institut. Für dieses Vorhaben hat Proxima Fusion bereits 30 Industrieunternehmen um sich geschart, darunter Bilfinger, Siemens Energy und Trumpf.
Parallel dazu arbeitet das hessische Start-up Focused Energy an Prototypen für Laserfusionskomponenten. Das ambitionierte Ziel: Bis 2035 soll auf dem Gelände des ehemaligen Atomkraftwerks Biblis ein funktionsfähiges Fusionskraftwerk stehen – eines, das mehr Energie liefert, als es im Erzeugungsprozess verbraucht.
Politische Unterstützung und Finanzierungsmodelle
Die Bundesregierung hat den Bau des ersten Fusionskraftwerks in Deutschland im Koalitionsvertrag verankert und in der Hightech-Agenda Deutschland bekräftigt. Derzeit läuft eine Ausschreibung für Fördermittel, die sowohl an ein Laser- als auch an ein Magnetfusionsprojekt vergeben werden sollen.
Die Finanzierung stellt eine enorme Herausforderung dar: Allein für ein erstes Demonstrationskraftwerk werden zweistellige Milliardenbeträge veranschlagt. Proxima Fusion hat ein Co-Finanzierungsmodell vorgestellt:
- Rund 20 Prozent der Gesamtkosten sollen über private, internationale Investoren finanziert werden
- RWE beteiligt sich mit einem nicht bezifferten Betrag
- Bayern stellt vorbehaltlich einer Bundesförderung eine Kofinanzierung von bis zu 400 Millionen Euro in Aussicht
Die nächste deutsche Leitindustrie?
Die beteiligten Unternehmen werben mit Deutschlands herausragendem Netzwerk von Zulieferern für den Bau von Fusionskraftwerken. „Fusionsenergie kann die nächste deutsche Leitindustrie werden“, betont Focused-Energy-Co-Gründer Thomas Forner.
Die Hoffnung der Industrie ist groß: Fusionsenergie könnte eine vergleichsweise saubere und nahezu unerschöpfliche Energiequelle erschließen und einen potenziellen Milliardenmarkt schaffen. Der Wettlauf zwischen bayerischer Magnetfusion und hessischer Laserfusion hat begonnen – und könnte über die Energieversorgung Deutschlands für kommende Generationen entscheiden.



