Bayerns große Seen könnten künftig eine Schlüsselrolle bei der Wärmeversorgung übernehmen. Eine erste Machbarkeitsstudie zum Ammersee zeigt, dass mit sogenannter Seethermie – also Wärmepumpen, die ihre Energie aus dem Seewasser beziehen – zehntausende Haushalte beheizt werden könnten. Das Bayerische Wirtschaftsministerium sieht darin einen vielversprechenden Baustein für die Wärmewende im Freistaat.
Studie belegt enormes Potenzial am Ammersee
Die von der Ingenieurgesellschaft KUP erstellte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass eine Anlage am Ammersee eine Wärmeleistung von 100 bis 200 Gigawattstunden pro Jahr erbringen könnte. „Damit könnte man grob gesagt 20.000 bis 35.000 sanierte Einfamilienhäuser versorgen“, erklärt Ulrich Lang von der KUP, der an der Studie beteiligt war. Die genaue Zahl hänge vom Sanierungszustand der Gebäude und der Effizienz der Wärmenetze ab.
Allerdings sei der Weg dorthin anspruchsvoll. Entscheidend sei das Engagement der Kommunen vor Ort, betont Lang. Erfolgreiche Beispiele gebe es bereits in der Schweiz, etwa am Vierwaldstätter See, am Zürichsee oder am Bodensee. „Dort waren die Bedingungen aufgrund der Größe der Seen aber auch günstig.“
Herausforderungen: Wärmenetze und Umweltauflagen
Ein zentraler Faktor für die Umsetzung sei das Vorhandensein von Wärmenetzen, heißt es vom Landesamt für Umwelt. Deren Bau sei teuer und aufwendig. Wo bereits Netze existieren, lassen sich große zentrale Wärmepumpen leichter integrieren, von denen aus die Energie in die Haushalte verteilt wird. Aktuell gibt es am Ammersee jedoch keine größeren Wärmenetze. Kleinere, dezentrale Anlagen kommen dagegen an vielen bayerischen Seen infrage.
Um die Umwelt zu schonen, werden die Leitungen per Bohrung in den See verlegt, anstatt durch sensible Uferzonen zu führen. Das abgekühlte Wasser wird zudem gründlich mit anderem Seewasser vermischt, um große Temperaturunterschiede zu vermeiden. Typischerweise wird das Wasser in etwa zehn Metern Tiefe entnommen, durch die Wärmepumpe geleitet und rund drei Grad kälter zurückgeführt, wie Lang erläutert.
Vorteile gegenüber Luftwärmepumpen im Winter
Das Prinzip der Seethermie gleicht dem jeder Wärmepumpe: Der Umgebung wird Wärme entzogen, sodass pro Kilowattstunde Strom mehrere Kilowattstunden Heizleistung erzielt werden. Dies funktioniert umso besser, je geringer der Temperaturunterschied zwischen der Wärmequelle und der zu erzeugenden Wärme ist. Genau hier liegt der Vorteil der Seethermie gegenüber den gängigen Luft-Wasser-Wärmepumpen: Im Winter, wenn der Heizbedarf steigt, ist das Seewasser in der Regel mit etwa vier Grad wärmer als die kalte Außenluft. Dadurch arbeitet die Pumpe effizienter.
Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) spricht von einem „enormen Energiepotenzial“ in Bayerns Flüssen und Seen. Die Gewässerthermie sei „eine echte Chance, zehntausende Haushalte mit bezahlbarer und regionaler Energie zu versorgen“. Insgesamt beziffert das Landesamt für Umwelt das Potenzial der Seethermie auf 1,2 Terawattstunden pro Jahr – das entspricht etwa 0,7 Prozent des gesamten Wärmebedarfs im Freistaat. Hinzu kommt die Flussthermie, für die es bereits ein erstes Projekt in Rosenheim gibt und bei der das Wirtschaftsministerium ein noch deutlich größeres Potenzial sieht.



