Solarbranche in Alarmbereitschaft: Förderkürzungen bedrohen Existenz vieler Betriebe
Die deutsche Solarwirtschaft steht vor einer existenziellen Krise. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) plant drastische Einschnitte bei der Förderung neuer, kleiner Solaranlagen – ein Vorhaben, das nach Einschätzung von Branchenvertretern Zehntausende Arbeitsplätze gefährdet und einen schweren Konjunkturdämpfer darstellen würde.
Branchenchef warnt vor massivem Nachfrageeinbruch
Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft, äußert sich alarmiert gegenüber der Deutschen Presse-Agentur: „Sollte es zu den geplanten Einschnitten bei der Förderung und den Auflagen zur Direktvermarktung eingespeisten Solarstroms kommen, so würde sich maximal noch jeder Dritte ein Solardach anschaffen.“ Der Verband rechnet mit einem dramatischen Rückgang der Nachfrage nach privaten Solardächern von derzeit 5 Gigawatt auf unter 2 Gigawatt pro Jahr.
Körnig verdeutlicht die Konsequenzen: „Das würde sich fast 1:1 in Jobverlusten niederschlagen. Zehntausende Beschäftigte würden der Solarbranche den Rücken kehren. Das wäre ein weiterer Konjunkturdämpfer und ein herber Verlust für unsere Branche.“ Aktuell sind etwa 100.000 Menschen in der Solarwirtschaft beschäftigt, wovon rund die Hälfte im Photovoltaik-Heimsegment tätig ist.
Historische Fehler drohen sich zu wiederholen
Die Branche blickt mit Sorge auf vergangene Erfahrungen zurück. Nach einem politisch verursachten Markteinbruch vor 15 Jahren benötigte das Handwerk viele Jahre, um sich wieder der Solarbranche zuzuwenden. Körnig warnt: „Wenn dieses sich jetzt ein zweites Mal eine blutige Nase holt, werden viele kleine Mittelständler nicht mehr in die Solarwirtschaft zurückkehren.“
Ein Wechsel in das Segment großer Solarparks bietet für die meisten Betriebe keine Alternative. Dieses Marktsegment ist bereits hart umkämpft, weniger arbeitsintensiv, dafür aber extrem kapitalintensiv – für kleine und mittlere Unternehmen somit kaum zugänglich.
Ministerium begründet Pläne mit Wirtschaftlichkeit
Bundeswirtschaftsministerin Reiche argumentiert, dass sich kleine Photovoltaik-Dachanlagen bereits ohne Förderung wirtschaftlich tragen könnten. Bisher erhalten Betreiber kleiner Anlagen 20 Jahre lang einen festen Betrag pro eingespeister Kilowattstunde, abhängig von Anlagengröße und Einspeiseumfang. Ein Ministeriumssprecher erklärte, die Allgemeinheit finanziere über Steuermittel Strom aus Anlagen, die auch ohne Subventionen rentabel seien.
Direktvermarktung als zusätzliche Hürde
Besonders kritisch sieht die Branche den geplanten Zwang zur verpflichtenden Direktvermarktung. Momentan gilt diese Regelung nur für Anlagen mit einer Leistung über 100 Kilowatt, also für mittelgroße Gewerbedachanlagen. Für kleine Solaranlagen an Ein- und Zweifamilienhäusern fehlen jedoch meist die technischen Voraussetzungen.
Der Einbau digitaler Stromzähler (Smart Meter) kommt nur schleppend voran, und es gibt kaum Anbieter, die eine ungeförderte Direktvermarktung der kleinen Strommengen übernehmen würden. Diese zusätzliche Bürokratie würde viele potenzielle Investoren abschrecken.
Amortisationszeiten verdoppeln sich
Die wirtschaftlichen Auswirkungen wären gravierend. „Derzeit betragen die Amortisationszeiten neuer kleiner Dachanlagen bei sehr günstiger Konstellation rund 10 Jahre“, erklärt Körnig. Dies gelte bei hohen Eigenverbrauchsquoten durch den Einsatz von Wärmepumpe, Batteriespeicher und E-Auto.
Aber selbst unter optimalen Bedingungen würden die Amortisationszeiten ohne Einspeisevergütung auf mindestens 19 Jahre steigen – für die Mehrzahl potenzieller Investoren eine unattraktive Perspektive. Diese Verdoppelung der Amortisationsdauer könnte den privaten Solarausbau in Deutschland erheblich bremsen und die Energiewende im Gebäudesektor gefährden.
Die Solarbranche steht somit an einem kritischen Punkt. Die geplanten Förderkürzungen könnten nicht nur Zehntausende Arbeitsplätze kosten, sondern auch den Ausbau der dezentralen Energieversorgung in Deutschland massiv behindern. Ein erneuter Einbruch wie vor 15 Jahren würde viele Betriebe endgültig aus dem Markt drängen und Jahre des Aufbaus zunichtemachen.



