Strommarkt-Studie enthüllt massive Überzahlungen durch Bestandskunden
Eine aktuelle Untersuchung des Energieanbieters Octopus Energy in Kooperation mit der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen legt offen, dass der deutsche Strommarkt durch systematische Übervorteilung von Bestandskunden geprägt ist. Die Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass Verbraucherinnen und Verbraucher im Jahr 2025 insgesamt etwa 11 Milliarden Euro zu viel für elektrische Energie bezahlt haben.
Das Prinzip „Anlocken und Abzocken“
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der renommierten RWTH Aachen, einer der größten technischen Universitäten Europas mit rund 45.000 Studierenden, werteten tausende echte Preisanpassungsschreiben von privaten Stromkunden aus. Dabei offenbarte sich ein klares Muster: Zunächst locken Anbieter mit günstigen Einstiegstarifen, doch nach etwa einem Jahr folgt ein drastischer Preissprung.
Im Durchschnitt erhöhen sich die Tarife um 13 Cent pro Kilowattstunde, was einem Aufschlag von 47 Prozent entspricht. Die Studie zeigt, dass in 75 Prozent aller Verträge genau nach zwölf Monaten die Preise angehoben werden. Wer dann nicht wechselt, zahlt deutlich drauf.
Dimension der Überzahlungen ist gewaltig
Bis zu 30 Millionen Haushalte waren 2025 von diesen Preiserhöhungen betroffen – das entspricht fast drei Vierteln aller Haushalte in Deutschland. Für den einzelnen Haushalt bedeutet dies erhebliche finanzielle Belastungen: Durch einen Anbieterwechsel könnten Betroffene im Schnitt 304 Euro pro Jahr sparen, in der Grundversorgung sogar bis zu 492 Euro. Hochgerechnet ergibt sich daraus die immense Summe von 11 Milliarden Euro.
Besonders brisant: Nur 4 Milliarden Euro dieser Überzahlungen entfallen auf Kunden in der Grundversorgung. Das bedeutet, dass auch viele Verbraucher bei wettbewerblichen Anbietern massiv übervorteilt werden, wenn sie nicht regelmäßig wechseln.
Preisschere hat sich dramatisch geöffnet
Seit der Energiekrise hat sich die Situation deutlich verschärft. Zwischen 2018 und 2021 lag die durchschnittliche Ersparnis durch einen Wechsel noch bei 121 bis 241 Euro. Heute ist diese Differenz fast dreimal so hoch. Eine Rückkehr zum früheren Preisniveau ist laut der Studie derzeit nicht absehbar.
Während sich Neukundenpreise eng an der Entwicklung des Energiemarktes orientieren, steigen die Tarife für Bestandskunden „fast ganz unabhängig davon“. In Preisanpassungsschreiben wird häufig pauschal auf gestiegene Kosten für Beschaffung und Vertrieb verwiesen – selbst dann, wenn die tatsächliche Marktentwicklung dies kaum rechtfertigt. Die Studie kritisiert massive Informationsdefizite bei Verbrauchern.
Systematisches Problem der gesamten Branche
Bastian Gierull, Deutschlandchef von Octopus Energy, fasst die Ergebnisse zusammen: „Wir sehen zum ersten Mal, dass die Abzocke am deutschen Strommarkt System hat. Es geht nicht um ein paar unseriöse Anbieter, sondern um die ganze Branche.“
Der Strommarkt hat sich damit zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft entwickelt: Auf der einen Seite stehen treue Kunden, die mit bis zu 492 Euro Mehrkosten pro Jahr bestraft werden, auf der anderen Seite die regelmäßigen Wechsler, die von günstigen Neukundenangeboten profitieren. Zwar hilft ein jährlicher Wechsel, doch dieser ist oft aufwendiger, als es Vergleichsportale versprechen. Verbraucher müssen sich mit Fragen auseinandersetzen wie: Bekomme ich den Bonus des alten Anbieters nach einem Jahr trotzdem? Wie seriös ist der neue Lieferant? Werden versprochene Boni tatsächlich ausgezahlt? Hier gab es in der Vergangenheit zu viele negative Erfahrungen mit unseriösen Anbietern.



