Windkraft-Pläne in der Seenplatte: Kreistag sagt Nein, Bürger-Einwände bringen Verzögerung
In der Mecklenburgischen Seenplatte formiert sich massiver Widerstand gegen den geplanten Ausbau der Windenergie. Der Kreistag des Landkreises hat sich in seiner jüngsten Sitzung in Neubrandenburg mehrheitlich gegen die Bebauung von 1,4 Prozent der Fläche mit Windkraftanlagen ausgesprochen. Gleichzeitig haben Bürger mit einer Flut von Einwänden die Planungsprozesse erheblich verlangsamt.
Massiver Bürgerprotest mit 6068 Stellungnahmen
Die Planungsbehörden stehen vor einer enormen Herausforderung: Insgesamt 6068 Stellungnahmen zum aktuellen Windkraft-Entwurf vom September 2025 sind eingegangen. Besonders bemerkenswert ist, dass davon 5450 in Papierform eingereicht wurden – viele davon sogar handschriftlich verfasst, wie Landrat Thomas Müller (CDU) mitteilte. Diese außergewöhnlich hohe Zahl an Einwänden hat den Zeitplan für die Fertigstellung des Windplans komplett über den Haufen geworfen.
„Wir haben in etwa das Sechsfache von dem bekommen, was erwartet wurde“, erklärte Ina Spiegelberg, stellvertretende Leiterin des Regionalen Planungsverbands Mecklenburgische Seenplatte. Der ursprünglich für Juni geplante Termin zur Beschlussfassung kann nicht eingehalten werden. Stattdessen rechnet man nun mit einer Verschiebung bis in den Herbst dieses Jahres – möglicherweise sogar bis zum Herbst 2027.
Kreistag sendet deutliches Signal gegen Windkraft-Ausbau
Bereits vor der Kreistagssitzung hatten Windkraft-Gegner des Aktionsbündnisses „Gegenwind Seenplatte“ vor dem Gebäude demonstriert. Im Plenum folgten die Kreistagsmitglieder dann mit 29 Ja- und 25 Nein-Stimmen einem Appell der BSW-Fraktion, der sich gegen die geplanten Windkraftflächen richtet.
Gilbert Schulz (Freier Horizont) fand deutliche Worte: „Werden die Pläne realisiert, kann man davon ausgehen, dass man von jedem Punkt des Landkreises aus Windkraftanlagen sieht, oft auch hört.“ Er kritisierte zudem die finanziellen Auswirkungen für die Bürger durch gestiegene Strompreise und sprach von „Erpressung“ durch die Vorgaben von Bund und Land.
Manuelle Auswertung trotz KI-Unterstützung
Die Bearbeitung der tausenden Stellungnahmen gestaltet sich äußerst aufwendig. Zwar kommt in begrenztem Maße Künstliche Intelligenz zur Strukturierung und Gruppierung der Eingaben zum Einsatz, doch die eigentliche Bewertung und Abwägung erfolgt weiterhin manuell durch Mitarbeiter des Planungsverbands.
Diese Vorgehensweise war zuvor auf Kritik gestoßen. Mirows Bürgermeister Henry Tesch (CDU) hatte sich per Brief an den Chef des Planungsverbands gewandt und Bedenken zum Einsatz von KI-Anwendungen geäußert.
Politische Kontroverse und unterschiedliche Positionen
Während die Mehrheit des Kreistags die Ablehnung der 1,4-Prozent-Fläche unterstützte, blieb die AfD-Fraktion bei ihrer Enthaltung. Enrico Schult (AfD) begründete dies damit, dass eine pauschale Ablehnung nicht der richtige Weg sei, obwohl er selbst den weiteren Ausbau kritisiert: „2000 stehen schon, 4000 werden es, es werden zu viele gebaut.“
Norbert Schumacher (Freier Horizont) appellierte an das Gewissen der Verbandsmitglieder: „Wir sind uns alle einig, dass der Landkreis keine Vorteile von Windkraft hat, vieles wird zerstört.“ Der Planungsverband solle nicht zum „Erfüllungsgehilfen“ werden.
Zeitdruck und drohender Wildwuchs
Landrat Thomas Müller warnte jedoch vor den Konsequenzen einer weiteren Verzögerung: „Sollte der Plan bis 2027 nicht stehen, wird es Wildwuchs geben.“ Bis Ende 2027 müssen nach aktueller Gesetzeslage Windvorranggebiete auf 1,4 Prozent der Fläche ausgewiesen werden. Andernfalls würde ein allgemeiner Vorrang von Windenergieanlagen im Außenbereich gelten.
Der aktuelle Entwurf vom September sieht 56 Windvorranggebiete vor, die insgesamt 1,54 Prozent der Regionsfläche umfassen – also sogar etwas mehr als gesetzlich gefordert. Die große Masse an Einwänden wird aller Voraussicht nach noch zu Veränderungen an diesen Flächen führen, wie Planungsverbandsmitarbeiter und Kreistagsmitglieder gegenüber dem Nordkurier erklärten.
In der Mecklenburgischen Seenplatte sind im Vergleich zu anderen Planungsverbänden in Mecklenburg-Vorpommern mit Abstand die meisten Stellungnahmen eingegangen. Die Region steht damit exemplarisch für die kontroverse Debatte um den Windkraftausbau in Deutschland, bei sich wirtschaftliche Interessen, Klimaziele und Bürgerproteste gegenüberstehen.



