In wenigen Tagen richtet sich die Aufmerksamkeit der Finanzwelt erneut auf die EZB-Zentrale im Frankfurter Ostend. Alle sechs Wochen treffen sich die Mitglieder des EZB-Rats, des obersten Entscheidungsgremiums der Europäischen Zentralbank, um über die Leitzinsen zu beraten. Ihre wichtigste Aufgabe: durch eine kluge Zinspolitik den Wert des Geldes stabil zu halten.
Die Bedeutung der Zinsentscheidung
Für die Wirtschaft der EU-Mitgliedsländer hängt viel von der Urteilsfähigkeit der Notenbanker und ihrer Präsidentin Christine Lagarde ab. Steigen die Zinsen, werden Kredite teurer. Unternehmen verschieben Investitionen, Verbraucher größere Anschaffungen. Die sinkende Nachfrage bremst den Preisanstieg, aber auch die Konjunktur. Derzeit erwarten Beobachter übereinstimmend eine Zinserhöhung, da der Iran-Krieg die Energiepreise in die Höhe getrieben hat und die Inflation anzieht.
Akribische Vorbereitung der Entscheidung
Weil so viel von der Entscheidung abhängt, wird sie akribisch vorbereitet. Die Fachabteilungen der EZB aktualisieren im Vorfeld wichtige Wirtschafts- und Finanzdaten: Preis- und Konjunkturentwicklung, Kreditkonditionen für Unternehmen und Privatkunden, die Entwicklung von Löhnen und Konsumentenerwartungen. Trotz der minutiösen Vorarbeit können kontroverse Debatten vorausgehen. Die äußeren Schocks treffen die EU-Mitgliedstaaten unterschiedlich heftig, sodass die Erwartungen an die Notenbank auseinandergehen.
„Steigende Unsicherheit durch externe Risiken erhöht den Abstimmungsbedarf im EZB-Rat“, sagt Geldpolitik-Expertin Kerstin Bernoth vom DIW. „Jedes Ratsmitglied reist mit einer eigenen Agenda und eigenem Zahlenmaterial an. Jeder hat auch die nationale Brille auf.“
Der Zeitplan am Entscheidungstag
Um Spekulationen zu vermeiden, folgt das Geschehen einem straffen Zeitplan. Um Viertel nach zwei veröffentlicht der Rat den Zinsbeschluss. Eine halbe Stunde später startet die Pressekonferenz. Das einleitende Statement, das Lagarde vorliest, ohne vom Text abzuweichen, und die kurze Fragerunde verfolgen knapp zwei Dutzend Journalisten vor Ort, weitere sind digital zugeschaltet. Analysten und Ökonomen weltweit verfolgen das Geschehen via Livestream.
Die Macht der Kommunikation
Überraschungen sind nicht willkommen, da sie Schockwellen durch die Finanzmärkte schicken könnten. Je weniger Lagarde von den Erwartungen abweicht, umso moderater fallen die Marktreaktionen aus. Börsianer mögen Entwicklungen, auf die sie sich vorbereiten können. „Immer dann, wenn die Märkte die Reaktion der EZB gut verstehen, sind ihre Entscheidungen besonders wirkmächtig“, sagt Professor Volker Wieland vom IMFS.
Händler erspüren kleinste Unterschiede in den Formulierungen. Die Ökonomin Bernoth analysiert die Presse-Statements mit einem Sprachmodell, das auf die EZB-Kommunikation abgestimmt ist. Ihre Beobachtung: Lagarde setzt zunehmend „falkenhaftere“ Signale, also eine restriktive, auf Inflationsbekämpfung ausgerichtete Haltung.
Mimik und Emotionen als Marktfaktor
Die EZB-Präsidentin wird während ihrer Auftritte intensiv beobachtet. Forscher der Universität Gießen untersuchten die Wirkung von Mimik und stimmlichen Emotionen Lagardes und ihres Vorgängers Mario Draghi auf die Finanzmärkte. Eine Gesichtserkennungssoftware erfasste Stirnrunzeln, Augenbrauenheben oder Lächeln, eine andere Software maß Tonfall und Emotionalität. Das Ergebnis: Die Gesichtsausdrücke haben einen messbaren Einfluss auf Staatsanleiherenditen, den Euro-Wechselkurs und sogar Aktienkurse.
Die aktuelle Herausforderung
Die Ausgangslage ist schwierig: Die Wirtschaft im Euroraum lahmt, Iran-Krieg, steigende Energiepreise und Lieferkettenprobleme verschärfen den Preisanstieg. Normalerweise würde eine Zentralbank bei unsicheren Konjunkturaussichten die Zinsen nicht erhöhen. Gleichzeitig muss die EZB vermeiden, nicht entschlossen genug zu reagieren. „Die EZB muss zeigen, dass sie die Inflation im Blick hat, sich aber der schwachen Wirtschaft bewusst ist“, erklärt Florian Heider vom Leibniz-Institut SAFE. „Der Kurs darf nicht als Ratlosigkeit interpretiert werden.“
Bernoth spricht von einem Balanceakt: „Es ist wichtig, Unsicherheit und Nervosität der Märkte einzufangen.“ Die Finanzwelt brauche von der EZB Signale der Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit – „einen Anker in unruhigem Wasser.“
Neue Wege der Kommunikation
Um nicht im Ritual zu erstarren, nutzen Zentralbanken zunehmend Social-Media-Kanäle oder eigene Blogs. „Damit können sie schnell auf neuere Entwicklungen reagieren und erreichen auch jüngere Menschen, die sich nicht mehr stark über traditionelle Medien informieren“, erklärt Emanuel Mönch von der Frankfurt School of Finance & Management.
Der EZB-Rat im Überblick
Das EZB-Direktorium besteht aus sechs Mitgliedern: Präsidentin Christine Lagarde, ihr Stellvertreter Boris Vujčić, Philip Lane, Piero Cipollone, Frank Elderson und Isabel Schnabel. Der EZB-Rat umfasst insgesamt 26 Mitglieder: die sechs Direktoriumsmitglieder und die 20 Präsidenten der nationalen Zentralbanken der Euro-Länder. Das Direktorium bereitet die Sitzungen des EZB-Rats vor und führt die Geldpolitik gemäß den Leitlinien des Rates durch.



