Ein Kommentar von Stefan Reccius
Das gierige Biest Inflation will mehr
Eine zweite Teuerungswelle baut sich auf. Nicht nur in der Euro-Zone, sondern weltweit. Die Notenbanken müssen entschlossen gegensteuern – allen voran die Europäische Zentralbank (EZB).
Im Frühjahr 2024 gab Joachim Nagel, Präsident der Bundesbank, Entwarnung. Gemeinsam hätten die Notenbanker der EZB „das gierige Biest gezähmt“, sagte er damals. Die Rede war von der Inflation. Doch nun, keine zweieinhalb Jahre später, ist das Biest zurück – und es will mehr.
In der Euro-Zone sind die Verbraucherpreise im Mai um 3,2 Prozent im Jahresvergleich gestiegen. Das ist der vierte Anstieg in Folge, nachdem die Inflation zu Jahresbeginn auf 1,7 Prozent gefallen war. Die Energiepreise sind zwar der Auslöser, aber längst nicht mehr der einzige Treiber der Inflation. Im Dienstleistungssektor hat die Teuerung zuletzt wieder von 2,2 auf 2,5 Prozent angezogen. Auch die Industrie gibt – wenngleich auf niedrigerem Niveau – vermehrt höhere Kosten an die Verbraucher weiter. Die Verkaufspreiserwartungen sind besorgniserregend gestiegen.
So berechtigt die Sorgen um die fragile Konjunktur der Euro-Zone auch sein mögen: Sie dürfen die Notenbanker jetzt nicht davon abhalten, die Leitzinsen zu erhöhen. Zu viel steht auf dem Spiel. Verbraucher und Finanzmärkte haben gerade erst ihr Vertrauen in die EZB zurückgewonnen, nachdem diese vor vier Jahren viel zu lange mit Zinserhöhungen gezögert hatte.
Die EZB muss nun entschlossen handeln, um die Inflation dauerhaft zu bekämpfen. Ein zu zögerliches Vorgehen könnte die Glaubwürdigkeit der Notenbank erneut gefährden und die wirtschaftliche Stabilität der Euro-Zone untergraben. Die zweite Teuerungswelle erfordert ein klares Signal: Die Zinsen müssen steigen.



