Das neue Altersvorsorge-Depot: Chance mit Hindernissen
Die Bundesregierung plant ab 2027 ein staatlich gefördertes Altersvorsorge-Depot, das Verbrauchern ermöglichen soll, in weltweite Aktien-ETFs zu investieren. Finanzminister Lars Klingbeil will damit die private Vorsorge einfacher, günstiger und attraktiver gestalten. Der Gesetzentwurf liegt bereits im Bundestag und zielt darauf ab, möglichst viele Menschen zum zusätzlichen Sparen neben der gesetzlichen Rente zu bewegen.
Die Grundidee ist richtig, aber die Umsetzung problematisch
Die gesetzliche Rente allein wird für die meisten Bürger nicht ausreichen, um den Lebensstandard im Alter zu halten. ETFs, die den Weltaktienmarkt kostengünstig nachbilden, bieten historisch betrachtet gute Renditechancen. Experten gehen von durchschnittlich sechs Prozent Rendite pro Jahr aus, was deutlich über der Inflation liegt und für Sparer attraktiv wäre.
Doch genau bei der Umsetzung zeigen sich erhebliche Schwachstellen, die den Erfolg des gesamten Vorhabens gefährden könnten.
Verbraucherproblem 1: Der Kostendeckel ist viel zu hoch
Der Gesetzentwurf sieht einen Kostendeckel von 1,5 Prozent pro Jahr für Depot- und Fondskosten vor. Dieser Wert erscheint auf den ersten Blick vernünftig, ist im internationalen Vergleich jedoch extrem hoch. In den USA liegen die Kosten preiswerter ETFs bei etwa 0,06 Prozent, in Schweden unter 0,1 Prozent.
Ein Prozentpunkt Unterschied bei den Kosten hat langfristig enorme Auswirkungen. Bei einer Einzahlung von 5.000 Euro jährlich über 30 Jahre mit sechs Prozent Rendite ergibt sich bei 0,1 Prozent Kosten ein Endkapital von 411.000 Euro. Bei 1,5 Prozent Kosten bleiben nur 319.000 Euro übrig – ein Unterschied von 92.000 Euro.
Selbst der Präsident des Gesamtverbands der Versicherer, Norbert Rollinger, sieht Depot-Preise unterhalb von 0,5 Prozent als realistisches Ziel. Die staatliche Förderung soll den Bürgern helfen, nicht den Geschäftsmodellen der Anbieter.
Verbraucherproblem 2: Komplexe Förderarchitektur
Das neue Depot soll einfacher sein als die Riester-Rente, doch die Förderstruktur ist äußerst kompliziert:
- Für die ersten 1.200 Euro gibt es 30 Prozent Förderung
- Für die nächsten 600 Euro nur noch 20 Prozent
- Für Kinder 25 Prozent Förderung auf die ersten 1.200 Euro
- Das Finanzamt prüft mit einer Günstigerprüfung die optimale Förderung
Bei der Auszahlung kommen drei verschiedene Steuerlogiken hinzu. Das geförderte Kapital wird mit dem persönlichen Einkommensteuersatz versteuert, ungeförderte Einzahlungen nach dem Halbeinkünfteverfahren oder mit Ertragsanteilen bei Rentenauszahlung.
Vier Fördervarianten und drei Steuerlogiken machen aus dem „einfachen Bürgerdepot“ ein Seminar in Steuerrecht.
Verbraucherproblem 3: Riester-Ersatz mit Einschränkungen
Das neue Depot soll die Riester-Rente ablösen und bietet in vielen Punkten Verbesserungen: höhere Einzahlungsgrenzen, Wertpapiere ohne Garantiezwang, mehr Renditechancen und tendenziell niedrigere Kosten. Praktisch jeder mit einem alten Riester-Vertrag kann diesen ins neue System übernehmen.
Doch für Menschen mit sehr niedrigen Einkommen und mehreren Kindern war die Riester-Förderung oft besonders attraktiv. Hier gilt besondere Vorsicht: Ein vorschneller Wechsel oder gar eine Kündigung kann sich finanziell nachteilig auswirken.
Politische Herausforderungen und Handlungsempfehlungen
Finanzminister Klingbeil weist auf die haushaltspolitischen Restriktionen hin: Im Haushalt 2028 fehlen Stand heute 60 Milliarden Euro. Dennoch sind jetzt die Abgeordneten gefragt, um Verbesserungen durchzusetzen.
Für Bürger gibt es konkrete Handlungsempfehlungen:
- Prüfen Sie bereits bestehende ETF-Depots und deren Kosten
- Warten Sie mit bestehenden Riester-Verträgen ab, besonders bei Kindern und niedrigem Einkommen
- Verschieben Sie geplante Riester-Auszahlungen möglichst nach 2027
- Achten Sie auf Kosten von maximal 0,3 bis 0,5 Prozent pro Jahr
Politisch sollten Abgeordnete vier Punkte durchsetzen: einen Kostendeckel von nur 0,5 Prozent, eine Vereinfachung der Förderstruktur, eine einfache Steuerlogik und höhere direkte Förderung für Geringverdiener.
Wenn der Staat Bürger zu mehr privater Vorsorge motivieren will, muss das Modell kostengünstig, radikal einfach und transparent nachvollziehbar sein. Das aktuelle Konzept mit zu hohen Kosten und komplexen Regeln schreckt eher ab, als dass es Vertrauen schafft.



