Deutsche fordern soziale Nutzung von vergessenem Kontogeld
Eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland spricht sich dafür aus, dass Geld auf sogenannten nachrichtenlosen Konten für soziale Zwecke verwendet werden soll, anstatt es den Banken zu überlassen. Dies geht aus einer aktuellen repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa hervor, die im Auftrag der SOS-Kinderdörfer weltweit durchgeführt wurde.
Überwältigende Zustimmung für Sozialfonds
Die Umfrageergebnisse sind eindeutig: 86 Prozent der Befragten befürworten, dass Vermögen auf vergessenen Konten nach einer angemessenen Frist in einen unabhängigen Sozialfonds fließen sollte. Lediglich zwei Prozent finden, das Geld solle bei den Banken verbleiben, während acht Prozent eine Übertragung an den Staat bevorzugen. Für die Erhebung wurden im Februar bundesweit rund 1600 zufällig ausgewählte deutschsprachige Personen ab 18 Jahren interviewt.
Nachrichtenlose Konten sind solche, auf die seit Jahren niemand mehr zugegriffen hat und für die sich keine Berechtigten melden. Schätzungen zufolge liegen auf diesen Konten erhebliche Summen. Ein Gutachten des Bundesforschungsministeriums geht von bis zu 4,2 Milliarden Euro aus, während der Verband Deutscher Erbenermittler in der Vergangenheit sogar von bis zu neun Milliarden Euro sprach. Nach etwa 30 Jahren löschen Banken diese Konten meist, wobei das Geld dann bei den Instituten verbleibt.
Deutschland im internationalen Vergleich zurückhaltend
Die SOS-Kinderdörfer weltweit kritisieren, dass Deutschland der einzige G7-Staat sei, der den Umgang mit vergessenem Vermögen nicht gesetzlich geregelt habe. In Großbritannien beispielsweise fließen Gelder auf inaktiven Konten seit 2008 in einen Sozialfonds, wobei für rechtmäßige Inhaber eine lebenslange Rückzahlungsgarantie besteht. Die schwarz-rote Bundesregierung hatte sich in ihrem Koalitionsvertrag zwar darauf verständigt, mit dem Geld Fonds für soziale Innovationen einzurichten, doch konkrete Maßnahmen stehen noch aus.
Petra Sorge-Booms, Vorständin der Hilfsorganisation, fordert ein zentrales Register, das Erben den Zugang zu Vermögensansprüchen erleichtert. Auch der Verband Deutscher Erbenermittler unterstützt diese Forderung nach einem Register, in dem vergessene Konten erfasst werden. Der Bankenverband bietet bereits einen Suchservice für Erben bei Vermögen bei Privatbanken in Deutschland an, doch viele sehen dies als unzureichend an.
Dokumentationsmangel bei eigenen Vermögenswerten
Die Umfrage offenbart zudem ein erhebliches Defizit in der persönlichen Vermögensplanung. Nur 30 Prozent der Befragten haben ihre eigenen Konten, Depots und Schließfächer vollständig dokumentiert und mit ihren Angehörigen oder Erben darüber gesprochen. 24 Prozent haben gar nichts dokumentiert, weitere 24 Prozent nur einen Teil ihres Vermögens bei Banken. 14 Prozent haben zwar alles aufgeschrieben, aber nie mit ihren Erben kommuniziert.
„Wer seine Vermögenswerte nicht dokumentiert und mit Angehörigen bespricht, riskiert, dass das eigene Ersparte unauffindbar wird“, warnte Sorge-Booms. Diese mangelnde Vorbereitung könnte dazu beitragen, dass die Summen auf nachrichtenlosen Konten weiter ansteigen, was die Dringlichkeit einer gesetzlichen Regelung unterstreicht.
Insgesamt zeigt die Umfrage einen klaren gesellschaftlichen Konsens: Die Deutschen wollen, dass vergessenes Geld sinnvoll für das Gemeinwohl eingesetzt wird, statt in den Büchern der Banken zu verschwinden. Es bleibt abzuwarten, ob die Politik auf diese Forderungen reagiert und eine Lösung nach dem Vorbild anderer Länder umsetzt.



