EZB belässt Leitzinsen trotz geopolitischer Spannungen und Inflationsgefahren
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre Leitzinsen im Euroraum zum sechsten Mal in Folge unverändert gelassen. Der wichtige Einlagenzins für Sparer und Banken bleibt bei 2,0 Prozent, wie die Notenbank in Frankfurt am Main mitteilte. Diese Entscheidung fällt in einer Zeit, in der der Iran-Krieg und steigende Ölpreise erhebliche Sorgen vor einer neuen Inflationswelle schüren.
Geopolitische Unsicherheiten belasten Wirtschaftsaussichten
„Der Krieg im Nahen Osten hat zu deutlich unsichereren Aussichten geführt“, erklärte die EZB. „Er hat Aufwärtsrisiken für die Inflation und Abwärtsrisiken für das Wirtschaftswachstum zur Folge.“ Noch vor wenigen Wochen befand sich die Notenbank in einer komfortablen Position im Kampf gegen die Teuerung, da die Inflation im Februar mit 1,9 Prozent nahe am mittelfristigen Ziel von 2 Prozent lag. Doch die Eskalation im Nahen Osten und der daraus resultierende Ölpreisschock haben die Inflationsängste deutlich verstärkt.
EZB-Chefvolkswirt Philip R. Lane warnte bereits vor den wirtschaftlichen Konsequenzen eines länger andauernden Konflikts: „Eine Eskalation des Konflikts im Nahen Osten ist eines der wichtigsten Risikoszenarien, die von der EZB beobachtet werden.“ Ein solcher Verlauf könnte die Wirtschaft bremsen und gleichzeitig die Inflation anheizen.
Deutschland von steigender Teuerung betroffen
Deutschland wird von dieser Entwicklung nicht verschont bleiben. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung erwartet, dass die Inflation in der ersten Jahreshälfte von zuletzt knapp zwei Prozent „merklich über 2,5 Prozent“ steigen wird. Der Iran-Krieg hat mit steigenden Spritpreisen und teurerem Gas längst Deutschland erreicht.
Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer prognostiziert: „Zöge sich der Krieg über Monate hin, würde der Ölpreis weiter steigen und mit ihm die Inflation in der Eurozone schätzungsweise auf mindestens 3 Prozent.“
Böse Erinnerungen an die Ukraine-Krise
Die Notenbank will um jeden Preis verhindern, dass sie auf eine mögliche neue Preiswelle zu spät reagiert. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 stand die EZB massiv in der Kritik, den damaligen Preisanstieg lange unterschätzt zu haben. Die Inflation im Euroraum schnellte zeitweise auf mehr als zehn Prozent nach oben.
Mit der Energiekrise stiegen damals auch die Lebensmittel- und Spritpreise in Deutschland rasant an. Die Inflation kletterte im Jahresschnitt 2022 auf 6,9 Prozent und lag 2023 immer noch bei 5,9 Prozent. Diese Entwicklung kostete die Verbraucher erhebliche Kaufkraft und die EZB einen Teil ihrer Glaubwürdigkeit.
Sparer zwischen Chancen und Risiken
Für Sparer bedeutet die aktuelle Situation sowohl Chancen als auch Risiken. Der Geldratgeber Finanztip beobachtet bei Tagesgeld steigende Aktionszinsen für Neukunden: Immer mehr oft zeitlich begrenzte Tagesgeld-Angebote liegen über drei Prozent. „Banken nutzen die aktuelle Phase, um sich mit befristeten Angeboten neue Einlagen zu sichern“, heißt es dazu. Der Grund sei, dass Banken immer weniger an baldige Zinssenkungen der EZB glaubten.
Laut dem Vergleichsportal Verivox nimmt der Konkurrenzkampf der Banken weiter Fahrt auf. Aktuell bieten 18 Banken neuen Kunden einen Tagesgeldzins von 3 Prozent oder mehr an. Im Schnitt werden bundesweit verfügbare Festgelder mit zwei Jahren Laufzeit mit 2,09 Prozent verzinst und Tagesgelder mit 1,3 Prozent.
Doch Verivox warnt: „Wegen des Iran-Kriegs könnten die Realzinsen allerdings schnell wieder ins Minus fallen. Die moderaten Zinsanstiege der letzten Wochen dürften den kriegsbedingten Anstieg der Verbraucherpreise bei Weitem nicht ausgleichen.“ Erst Leitzinserhöhungen der EZB könnten dann wieder zu steigenden Sparzinsen führen.
Experten erwarten mögliche Zinsanhebungen
Einige Experten vermuten bereits, dass die Notenbank im Sommer die Zinsen anheben wird. Im Fall der Fälle dürfte die EZB dieses Mal schneller agieren als 2022, meint Ulrike Kastens, Ökonomin bei der Deutschen-Bank-Fondstochter DWS: „Zinserhöhungen werden damit wahrscheinlicher, Zinssenkungen sind vom Tisch.“
Schwierige Abwägung für die Währungshüter
Eine Zinsanhebung der EZB würde allerdings die Wirtschaft im Euroraum bremsen, die Prognosen zufolge in diesem Jahr ohnehin nur leicht wachsen dürfte und nun auch noch von den Folgen des Iran-Kriegs getroffen wird. Berenberg-Ökonom Felix Schmidt warnt: „Selbst wenn die Energiepreise längerfristig erhöht bleiben, wäre es für die EZB schwierig, ihre Geldpolitik zu straffen. Denn in diesem Szenario würde das Wirtschaftswachstum in der Eurozone möglicherweise zwischenzeitlich zum Erliegen kommen.“
Dann würde das gefürchtete Szenario einer Stagflation Realität: steigende Preise bei zugleich stagnierender Wirtschaft – ein Alptraum für Notenbanken. In einer solchen Situation hätte die EZB kaum noch Optionen zum Gegensteuern. Oberstes Ziel der Währungshüter um EZB-Präsidentin Christine Lagarde bleiben stabile Preise im Euroraum, doch der Weg dorthin wird durch die geopolitischen Entwicklungen zunehmend komplizierter.



