Klingbeils Altersvorsorge-Depot: Zu teuer und zu kompliziert für Verbraucher?
Neues Altersvorsorge-Depot: Zu teuer und kompliziert?

Das neue Altersvorsorge-Depot: Chance oder Bürokratiemonster?

Es wird ernst beim neuen Altersvorsorge-Depot der Bundesregierung. Ab 2027 sollen Verbraucher staatlich gefördert in weltweite Aktien-ETFs investieren können. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil will mit diesem Instrument die private Vorsorge einfacher, günstiger und attraktiver gestalten. Der Gesetzentwurf ist bereits im Kabinett verabschiedet und liegt nun dem Bundestag zur Beratung vor.

Die Grundidee: Endlich einfache Aktienvorsorge für alle

Das Ziel ist ambitioniert: Möglichst viele Menschen sollen zusätzlich zur gesetzlichen Rente sparen können – und zwar mit Wertpapieren, insbesondere mit ETFs. Diese börsengehandelten Indexfonds bilden den Weltaktienmarkt kostengünstig nach. Experten halten diesen Ansatz grundsätzlich für richtig, da die gesetzliche Rente allein für die meisten nicht ausreichen wird, um den Lebensstandard im Alter zu halten.

Historisch betrachtet hätten Anleger mit internationalen Aktieninvestments in den vergangenen 50 Jahren durchschnittlich acht Prozent Rendite pro Jahr erzielen können. Selbst konservative Schätzungen gehen heute noch von durchschnittlich sechs Prozent aus – deutlich mehr als die Inflation und damit ein attraktives Angebot für Altersvorsorgesparer.

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Problem 1: Der Kostendeckel – eine Mogelpackung?

Der Gesetzentwurf sieht einen Kostendeckel von 1,5 Prozent pro Jahr für Depotführung und Fondskosten vor. Auf den ersten Blick klingt das nach Verbraucherschutz, doch im internationalen Vergleich ist dieser Wert erschreckend hoch.

Zum Vergleich: In den USA liegen die Kosten großer ETF-Anbieter bei etwa 0,06 Prozent, in Schweden unter 0,1 Prozent. Selbst der Präsident des Gesamtverbands der Versicherer, Norbert Rollinger, sieht Depot-Preise unterhalb von 0,5 Prozent als realistisches Ziel.

Die hohen Kosten wirken als echter Renditekiller: Bei einer Sparerin, die über zehn Jahre 50.000 Euro angespart hat, würden bei 1,5 Prozent Kosten jährlich 750 Euro an Gebühren anfallen – fast so viel wie die staatliche Förderung beträgt. Über 30 Jahre Sparzeit können die Unterschiede dramatisch sein: Bei sechs Prozent Rendite und 0,1 Prozent Kosten kommen 411.000 Euro zusammen, bei 1,5 Prozent nur 319.000 Euro – ein Verlust von 92.000 Euro.

Problem 2: Steuerkomplexität statt Bürgerfreundlichkeit

Das neue Depot soll einfacher sein als die gescheiterte Riester-Rente. Bei der Einzahlung gelingt das auch: Ab zehn Euro monatlich gibt es Förderung, die mit der Einzahlung wächst. Doch dann beginnt die Komplexität:

  • Für die ersten 1.200 Euro: 30 Prozent Förderung (ab 2029: 35 Prozent)
  • Für die nächsten 600 Euro: nur noch 20 Prozent Förderung
  • Für Kinder: 25 Prozent Förderung auf die ersten 1.200 Euro
  • Das Finanzamt prüft mit einer Günstigerprüfung, ob die Förderung optimal ist

Bei der Auszahlung wird es noch komplizierter: Das geförderte Kapital muss mit dem persönlichen Einkommensteuersatz versteuert werden. Wer sich vorzeitig auszahlen lässt, riskiert den Spitzensteuersatz von 42 Prozent. Ungeförderte Einzahlungen werden nach dem Halbeinkünfteverfahren besteuert.

Vier verschiedene Fördervarianten und drei unterschiedliche Steuerlogiken machen aus dem geplanten „einfachen Bürgerdepot“ ein Seminar in Steuerrecht. Dabei wäre eine einfachere Lösung möglich: Steuerfreie Einzahlung und Besteuerung bei der Auszahlung, kombiniert mit direkten Zuschüssen für Geringverdiener.

Problem 3: Riester-Ersatz mit Lücken

Das neue Depot soll die Riester-Rente ablösen und ist in vielen Punkten tatsächlich besser: höhere Einzahlungsgrenzen, Wertpapiere ohne Garantiezwang, mehr Renditechancen und tendenziell niedrigere Kosten. Bestehende Riester-Verträge können ins neue System überführt werden.

Doch für Menschen mit sehr niedrigen Einkommen und mehreren Kindern war die Riester-Förderung oft besonders attraktiv. Experten raten dieser Gruppe, nicht vorschnell zu wechseln oder zu kündigen. Die alte Förderung kann sich weiterhin lohnen – zumindest bis die Kinder aus der Förderung fallen.

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Politische Herausforderungen und Verbrauchertipps

Finanzminister Klingbeil macht deutlich, dass im Haushalt 2028 Stand heute 60 Milliarden Euro fehlen. „Das Geld für eine einheitliche, großzügigere Förderung fehlt“, so der Minister. Gleichzeitig betont er, dass nun das Parlament am Zug sei: „Mehrere Parlamentarier aus unterschiedlichen Fraktionen haben mir bereits gesagt: Den Punkt schauen wir uns noch einmal genau an.“

Für Verbraucher gibt es konkrete Handlungsempfehlungen:

  1. Prüfen Sie bereits bestehende ETF-Depots und deren Kosten
  2. Warten Sie mit bestehenden Riester-Verträgen ab, besonders bei Kindern und niedrigem Einkommen
  3. Kosten von mehr als 0,3 bis 0,5 Prozent pro Jahr bei ETF-Produkten kritisch hinterfragen
  4. Nutzen Sie Wahltermine für politische Rückmeldung an Abgeordnete

Vier konkrete Forderungen an die Politik lauten: Kostendeckel auf 0,5 Prozent senken, Förderstruktur vereinfachen, einfache Steuerlogik schaffen und höhere direkte Förderung für Geringverdiener ermöglichen.

Wenn der Staat Bürgerinnen und Bürger zu mehr privater Vorsorge motivieren will, muss das Modell kostengünstig, radikal einfach und transparent nachvollziehbar sein. Das geplante Altersvorsorge-Depot hat das Potenzial für einen echten Fortschritt – wenn Parlament und Regierung die kritischen Punkte noch korrigieren.