Schufa-Chefin Birkholz im BILD-Interview: Volltransparenz beim neuen Score-System
Pünktlich zum Start des neu konzipierten Schufa-Scores kam Vorstandsvorsitzende Tanja Birkholz exklusiv zu BILD nach Berlin. Im Gespräch mit BILD-Sparfochs Frank Ochse erläuterte die Schufa-Chefin die radikale Kehrtwende des Unternehmens hin zu vollständiger Transparenz.
Von der Datenkrake zum Transparenz-Vorreiter
Jahrelang verteidigte die Schufa ihre Geheimhaltung der Score-Berechnungsformel – zuletzt sogar mit gerichtlichem Erfolg. Nun vollzieht das Unternehmen eine komplette Wende: Der neue Score, der gerade freigeschaltet wurde, ist vollständig transparent und kann von jedem kopiert oder selbst genutzt werden.
Tanja Birkholz erklärt die Beweggründe: „Der Anspruch der Menschen an Transparenz und Datenkontrolle ist stark gestiegen. Deshalb haben wir das Scoring vollständig neu gedacht. Uns war wichtig, nicht nur irgendeinen Algorithmus offenzulegen, sondern es so aufzubauen, dass die Menschen es wirklich verstehen und nachvollziehen können.“
So funktioniert der neue Zugang
Den persönlichen Score erhalten Verbraucher über ihren Schufa-Account unter app.schufa.de. Dort werden zunächst persönliche Daten wie bestehende Finanzverpflichtungen, Ratenkredite oder beantragte Kreditkarten angezeigt. Für den Zugang gibt es zwei Möglichkeiten:
- PIN per Brief (dauert zwei bis drei Tage, bei hohem Ansturm eventuell länger)
- Elektronischer Personalausweis
„Darum ist es wichtig, dass Sie sich registrieren und identifizieren. Der Grund: Es soll keiner Ihre persönlichen Daten sehen“, betont Birkholz.
Die wichtigsten Einflussfaktoren
Das größte Gewicht im neuen Score-System hat die Frage, ob eine Zahlungsstörung vorliegt. Tanja Birkholz definiert: „Wenn jemand eine Rechnung oder Raten trotz Mahnung weiter nicht bezahlt. Etwa nach einem Ratenkauf oder einem Kauf auf Rechnung.“
Entgegen vieler Annahmen ist ein Kredit an sich nicht automatisch schlecht für den Score. Entscheidend ist, wie verantwortungsvoll jemand mit finanziellen Verpflichtungen umgeht. Ein ordentlich bedientes Girokonto mit Dispo oder eine pünktlich bezahlte Kreditkarte können sich sogar positiv auswirken.
Auswirkungen auf verschiedene Verbrauchergruppen
Die Umstellung auf das neue System bringt für die meisten Menschen kaum Veränderungen. Laut Birkholz ändert sich bei 83 Prozent der Menschen die Score-Klasse nicht. 9 Prozent verbessern sich, 8 Prozent verschlechtern sich.
Besonders profitieren: Menschen, die zuletzt verantwortungsvoll mit ihren finanziellen Verpflichtungen umgegangen sind. Umgekehrt gilt: Wer lange gar keine sichtbaren Aktivitäten hatte, kann etwas schlechter abschneiden, weil weniger aktuelle Informationen vorliegen.
Schutz vor Missbrauch und Betrug
Ein zentrales Thema bei der Entwicklung war die Manipulationssicherheit. „Das war natürlich eine zentrale Frage bei der Entwicklung. Uns war Transparenz wichtig. Gleichzeitig haben wir die Kriterien so ausgewählt, dass sie möglichst nicht einfach manipulierbar sind“, erklärt die Schufa-Chefin.
Bei Identitätsbetrug rät Birkholz zur sofortigen Meldung bei der Schufa. Das Unternehmen arbeitet daran, im Account Push-Nachrichten zu verschicken, wenn erstmals ein negatives Merkmal auftaucht, um schnelle Reaktionen zu ermöglichen.
Besondere Lebenssituationen
Für Menschen nach einer Privatinsolvenz gilt: Nach einer erledigten Restschuldbefreiung kommt man wieder in die Punktbewertung hinein, startet aber zunächst niedriger. Diese Information wirkt noch drei Jahre nach, weil das Risiko in dieser Zeit statistisch deutlich erhöht ist. Danach kann man wieder beim vollen Punktwert landen.
Bei kleinen Forderungen wie Parktickets oder Käufen auf Rechnung gibt es eine Meldegrenze. Kleinstforderungen werden nicht automatisch übernommen. „Grundsätzlich gilt aber: Rechnungen bezahlen. Und wenn eine Forderung unberechtigt ist, dann unbedingt bestreiten. Denn bestrittene Forderungen dürfen nicht gemeldet werden“, so Birkholz.
Modernisierungen im System
Das neue System berücksichtigt auch moderne Verbrauchergewohnheiten. Wenn Verbraucher innerhalb von 28 Tagen mehrere Konditionsanfragen stellen, etwa um Konten oder Kreditkarten zu vergleichen, zählt das nur als eine Anfrage.
Birkholz persönlich: Die Schufa-Chefin verrät ihren eigenen Score von 961 Punkten und betont: „Ich bin auch ein ganz normaler Mensch. Und wenn ich mal einen Ratenkredit aufgenommen habe, dann sieht der Score auch mal anders aus.“
Tanja Birkholz, die aus Wiesbaden zu BILD nach Berlin reiste, gehört dem Schufa-Vorstand seit Januar 2020 an und steht seit Juli 2020 an der Spitze des Unternehmens. Im Mai 2024 wurde ihr Vertrag als CEO um weitere fünf Jahre verlängert.



