Deutschlands Einzelhandel im historischen Abwärtstrend
Die Situation im deutschen Einzelhandel spitzt sich dramatisch zu. Nach aktuellen Prognosen des Handelsverbandes Deutschland (HDE) wird die Zahl der Ladengeschäfte in diesem Jahr auf nur noch 296.600 sinken. Dies markiert einen historischen Tiefstand, der seit der deutschen Wiedervereinigung nicht mehr erreicht wurde.
Ein Jahrzehnt des kontinuierlichen Rückgangs
Seit Ende des Jahres 2015 hat der deutsche Einzelhandel einen beispiellosen Schwund erlebt. Damals existierten noch etwa 372.000 Geschäfte im Land – heute sind es bereits rund 70.000 weniger. Dieser Abwärtstrend setzt sich unvermindert fort, wobei für das laufende Jahr ein weiterer Rückgang um 4.900 Geschäfte erwartet wird.
Die Corona-Pandemie hat diesen Prozess massiv beschleunigt. Viele Betriebe konnten während der Lockdowns nicht öffnen und mussten schließlich ihre Türen für immer schließen. Allein in den Jahren 2021 und 2022 verschwanden jeweils über 11.000 Geschäfte von der Bildfläche. Im vergangenen Jahr setzte sich dieser Trend mit einem Minus von 4.500 Läden fort.
Insolvenzwelle erreicht Zehnjahreshoch
Die aktuelle Insolvenzstatistik zeichnet ein düsteres Bild. Nach Angaben des Kreditversicherers Allianz Trade wurden im Jahr 2025 insgesamt 2.571 Insolvenzen im Einzelhandel verzeichnet – der höchste Stand seit einem Jahrzehnt. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren es noch 2.291 Fälle.
Prominente Beispiele für diese Entwicklung häufen sich. Die insolvente Fachmarkt-Kette Hammer steht mit 44 Filialen vor dem Aus, während der Hemdenhersteller Eterna mit 50 Ladengeschäften seinen Betrieb zum Sommer einstellen wird. Die Parfümerie-Kette Pieper schließt neun ihrer Filialen, und selbst große Namen wie der Schuhhändler Görtz oder der Modehersteller Gerry Weber haben bereits alle Filialen geschlossen.
Gründe für den anhaltenden Niedergang
HDE-Präsident Alexander von Preen benennt die Hauptursachen für diese besorgniserregende Entwicklung: „Viele Innenstädte leiden heute schon sichtlich unter Leerständen. So kann und darf es nicht weitergehen.“ Die seit Jahren stagnierende Konsumlaune der Verbraucher stellt insbesondere mittelständische Händler vor existenzielle Probleme.
Während der Onlinehandel im Jahr 2025 preisbereinigt um 3,5 Prozent zulegte, stagnierten die Umsätze im stationären Einzelhandel. Laut einer aktuellen Händlerumfrage schätzen nur 14 Prozent der Unternehmen ihre Geschäftslage als gut ein. Jedes zweite Unternehmen erwartet für 2026 sogar sinkende Umsätze.
Politische Forderungen und Zukunftsperspektiven
Der Handelsverband sieht die Politik in der Pflicht, durch gezielte Maßnahmen die Kostenbelastung für Händler zu reduzieren – insbesondere bei Energie und Beschäftigung. Ohne solche Interventionen droht die Situation in vielen Innenstädten weiter zu eskalieren.
Die verzweifelte Suche nach Zwischennutzungen für leerstehende Einkaufscenter, wie etwa in Berlin, unterstreicht die Dringlichkeit des Problems. Das traditionelle Geschäftsmodell des stationären Handels steht vor einer der größten Herausforderungen seiner Geschichte.



